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„Des gilt ja ned“.

IMG_2612 Woidl und Horstl anno dazumal; photo: Archiv Horst Jobstraibitzer

Ich wittere meine Chance. Nachdem ich zwei Versuche stümperhaft versemmelt habe, gelingt nun der Sprung in der grünen Aufgabe. Jetzt nur nicht mehr loslassen! Mein rechter Fuß schabt über irgendetwas das ich nicht sehe und ein beherztes Anreißen bringt mich zum begehrten Topgriff.

Als ich wieder auf der Matte des Grazer Bloc Houses stehe, treffe ich auf meinen Kumpel Hannspeter Z. der mir aufmerksam zugesehen hat.

„Ich hab den Boulder geflashed" erklärt er mir „und im Übrigen:

Das hier kann ich jetzt echt nicht werten!"

„Wie bitte???"

„Du hast den gelben Griff mit deinem rechten Fuß berührt. Der gehört gar nicht dazu!"

„Alter – jetzt hör aber auf! Ich hab das Ding ja gar nicht gesehen! Und überhaupt – also das ist ja die Höhe!" protestiere ich.

HP bleibt bei seiner Disqualifikation. Er sei Schiedsrichter bei den bevorstehenden Bouldermeisterschaften erklärt er mir. Und er habe sein Visier schon dementsprechend scharf eingestellt.

Brummelnd schnappe ich meinen Chalkbag und ziehe von dannen. Für meinen Teil bin ich die Aufgabe geklettert. Punkt!

Innerlich muss ich ja grinsen. Da stehen zwei, altersmäßig mehr als überwutzelte, Boulderfreaks auf der Matte und streiten allen Ernstes über einen solchen Blödsinn.

Minuten später matchen wir uns schon wieder in aller Freundschaft beim nächsten Problem. HP lässt sich nichts zuschulden kommen und obwohl ich jede seiner Bewegungen mit Argusaugen verfolge, kann ich zu meinem Leidwesen keinen Regelverstoß entdecken.

Diskussionen solcher Art gab es ja während meines langen Klettererdaseins immer schon.

Ich kann mich erinnern, dass wir früher in den Technorouten weite Hakenabstände mit umgebauten Radioantennen überlisteten. Anstelle bis in die letzte Stufe der Trittleiter steigen zu müssen, oder vielleicht sogar noch auf den Haken selbst, um den Nächsten erreichen zu können, hoben wir unsere Fiffi ganz bequem mit der Antenne hoch. Das war damals ja echt der volle Beschiss und wir hüteten uns davor, es jemand anderem zu erzählen.Aber wehe wenn es rauskam. Dann gab es Erklärungsbedarf.

Als es mit der Sportkletterei begann, mit festgelegten Regeln und Begriffen, ging es aber erst so richtig los mit den Diskussionen und mehr als einmal gerieten sich beste Freunde in die Haare weil man sich uneins war, was nun jetzt gilt und was nicht. Was zu tolerieren war und was gar nicht ging.

Einer der das besonders akribisch betrieb war, mein leider viel zu früh verstorbener Freund, Matthias L. Einerseits war er nicht zimperlich, anderen die Begehung einer Route abzuerkennen wenn er eine Abweichung von den geltenden Regeln beobachten konnte und andererseits war er enorm spitzfindig was das Austricksen so mancher Schlüsselstelle betraf. Diese Lösungen vertrat er dann mit absoluter Konsequenz und er schreckte auch nicht vor ausgewachsenen Streitereien zurück nur um seinen Standpunkt zu behaupten.

Er war auch dabei als die linke Umgehung der Schlüsselstelle im „Zeitgeist" gefunden wurde. Anstatt, so wie der Erstbegeher Thomas H., zu springen kletterte er in einer Linksschleife zum begehrten Rasthenkel. Eine Lösung die was hat. Technisch, elegant – so wie es seinem Kletterstil entsprach.

Als er aber versuchte die Schlüsselstelle in der „Train and Terror" auszutricksen indem er ewig weit nach links traversierte und sich dann wieder irgendwie in die Originalspur manövrierte, schritt die Ethikkommission ein. Diese „Leitingervariante" wurde abgeschmettert und für null und nichtig erklärt. Da biss sogar der Hias auf Granit und musste sich geschlagen geben. Seither ist niemand mehr auf die Idee gekommen die Route so zu klettern.

Ähnlich spitzfindig ist auch mein Kumpel Woidl W.

Wobei ich es eher als Hausverstand denn als spitzfindig bezeichnen würde. In der Route „Blow" in San Siro (Arco) habe ich mich zum Beispiel an der Schlüsselstelle kurz unter der Kette festgebissen. Die Passage wehrte sich und nachdem ich meinen dritten Versuch an ebendieser Stelle in den Sand setzte, hatte sich auch Woidl von der vorabendlichen Grappaverkostung im „Il Gatto Nero" erholt und band sich ins Seil. Gespannt beobachte ich seine Bewegungen. Woidl gewann im kompromisslosen „Jerry Moffatt Style" an Höhe. Ich war immer wieder fasziniert wie er die Stellen kletterte. Dort wo ich ewig herumzauderte bis ich endlich, eine für mich passende, Lösung gefunden hatte, hielt sich Woidl nur Sekundenbruchteile auf. Bald hatte er die Crux erreicht. Jetzt war ich gespannt.

Doch was war das??? Anstelle in das Zweifingerloch einzufädeln und durchzureißen, machte Woidl eine Rechtsschleife, hangelte anschließend nach links zurück und klippte die Kette!

Ich war völlig perplex.

„Woidl des gilt ned!" schrie ich nach oben. „Wo krallstn du da herum?"

„Mia wuascht" kam die Antwort. „Nur weil du und alle anderen zu blöd seid um die einfachste Lösung zu finden? Solange ich alle Bolts aus der Kletterposition klinken kann, gilt die Begehung".

Da musste ich ihm allerdings beipflichten.

Im Übrigen war die Rechtsschleife auch nicht einfacher, wie ich im nächsten Versuch feststellen sollte. Auch mit Woidls Variante blieb es eine 7b+. Alles war Rechtens.

Rechtens war auch meine Lösung in einer weiteren Bloc House Aufgabe. Die schwer zu haltende Winzleiste in der Crux ließ ich kurzerhand aus und ich spannte gleich in den rettenden Henkel. Regelverstoß war keiner zu bemängeln und dass der Boulder mit dieser Lösung um eine Ecke leichter wurde, brauchte ich ja niemandem auf die Nase zu binden… 

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Kommentare 3

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Johannes Mayer am Sonntag, 16. Dezember 2018 21:48

Was heißt eigentlich Leitingervariante?
Kommt das von "light" oder steckt da was anderes hinter?

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Was heißt eigentlich Leitingervariante? Kommt das von "light" oder steckt da was anderes hinter?
Hanns-Peter Zinko am Montag, 17. Dezember 2018 10:08

Jaja Horst, manchmal muss man auch ein bissel streng sein

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Jaja Horst, manchmal muss man auch ein bissel streng sein ;)
Stefan Atschreiter am Montag, 17. Dezember 2018 21:08

Genau meine Meinung

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Genau meine Meinung :D:D:D