Die Wolkenbruchmuatta.

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 „Schaut´s, dass weitakemmts Buam, grantelt die Wolkenbruchmuatta spaßeshalber, während wir uns an der langen Reihe zahlungswilliger Wanderer an der Kassiershütte der Bärenschützklamm vorbeischieben. Sie weiß, dass unser Ziel nicht die Leitern der wohl schönsten, wasserführenden, Felsenklamm österreichweit sind, sondern dass wir ganz andere Pläne im Kopf haben. Kurz nur würden wir noch gemeinsam mit knickerbockertragenden, rotweissbehemden „Bergvagabunden sind wir" hinansteigen. Gleich nach dem Unterstand aber, kurz vor dem großen Wasserfall, würden sich unsere Wege trennen.

Unser Ziel ist das Brunntal mit seinen glatten, senkrechten und überhängenden Wänden, die sich bis zu 300 Meter in den Himmel recken und dessen Blau bereits leicht durch den Herbstnebel durchzuschimmern beginnt.
Beinahe jedes Wochenende und manchmal auch unter der Woche, wenn mich die Schule so gar nicht freut, statten wir diesem gewaltigen Tal einen Besuch ab, um eine Tour nach der anderen zu klettern. An diesem Herbstmorgen haben wir eine weitere, brandneue Route ins Visier genommen. Den „Schinderweg" im oberen Brunntal.
Es ist unter der Woche. Ich schwänze die Schule und fliege zu allem Überfluss den halben Riss in der vorletzen Seillänge wieder hinunter, weil mein Schuh an einem sandigen Tritt abrutscht. Am Heimweg versorgt die Wolkenbruchmuatta meine Schürfwunden und klebt mir große Pflaster auf Ellbogen und Knie. Zuhause erkläre ich meinen Zustand den Eltern mit einem gemeinen Foul beim Turnunterricht.
Ich war erstaunlicherweise immer ein besonderes Schatzerl der Wolkenbruchmuatta. Vielleicht, weil ich zu dieser Zeit zu den jüngsten Brunntalkletterern gehörte und manchmal, wenn ich wieder einmal allein unterwegs war, genossen wir gemeinsam eine Packung ihrer geliebten Mannerschnitten. Von einem solchen Privileg durften die meisten anderen nicht einmal träumen.
Einmal wären diese Schnitten beinahe zu meiner Henkersmahlzeit geworden. Bei einer Solobegehung des Sanduhrenparadieses baute ich Mist und verkletterte mich. Mein 15 Meter Seilstück, das ich mir zur Sicherung an der Schlüsselstelle vorsichtshalber auf den Rücken gebunden hatte, war in dem Moment für mich unerreichbar und nur mit viel Glück und einem wackeligen Dynamo konnte ich mich aus dieser misslichen Situation befreien. Es war das letzte Mal, dass ich alleine in den Brunntalwänden kletterte.
Nicht allen Kletterern war sie so wohlgesonnen wie „ihren Buam" wie sie uns oft liebevoll nannte. Die Grazer und überhaupt alle Auswärtigen mussten zahlen um ins Brunntal aufsteigen zu dürfen. Da half kein Gejammer und Gezeter. Alle Beteuerungen, sie würden doch nur ins Brunntal gehen um dort zu klettern, stießen auf taube Ohren. Wer an der Kassiershütte vorbeiwollte hatte die Geldbörse zu zücken. Aus. Pasta.
Einer, auf den sie es ganz besonders abgesehen hatte, war Franz Horich, einer der Haupterschließer des Brunntals. Ihre Streitigkeiten gingen so weit, dass Franz schließlich sogar einen eigenen Weg, der ihn ungesehen an der Wolkenbruchmuatta vorbeiführte, in das Brunntal anlegte.
Ein weiterer Erstbegeher, Gerhard Grabner, zog ihren Unmut auf sich, als er eine Neutour an der Südwand des Schwaigerkamms erschloss.
Das ging schon mal gar nicht. Das war verboten und konnte keinesfalls geduldet werden.
Sobald die Wolkenbruchmuatta einen Kletterer in dieser Route entdeckte, setzte sie sich den Steinschlaghelm auf und alarmierte die Bergrettung.
Gerhard revanchierte sich, indem er seine Neutour „Cerberus" (Höllenhund) nannte.
Diese Route brachte mich in eine verzwickte Lage. Einerseits wollte ich sie unbedingt wiederholen aber andererseits wusste ich, dass ich damit jeden Bonus bei der Wolkenbruchmuatta verspielen würde.
Die Option, bis zum November zu warten, wenn die Klamm geschlossen war und die Kassierin zuhause ihren wohlverdienten Urlaub verbrachte, wollte mir auch nicht schmecken. Schließlich war es erst Juni.
So hasteten wir also eines Tages in aller Herrgottsfrühe an der, noch geschlossenen, Kassiershütte vorbei Richtung Einstieg. Wir waren schon in der dritten Seillänge als wir tief unter uns jemanden kreischen hörten.
„Achtung Steinschlag!"
Steffi Erkinger, unsere Wolkenbruchmuatta, stand mit ihrem Steinschlaghelm auf dem Kopf vor der Kassiershütte und alarmierte aufgeregt die Bergrettung.
Wir erreichten den Schwaigerkamm noch bevor wir der Bergrettung in die Hände fielen und schlichen auf geheimsten Steiglein unerkannt ins Tal zurück.
Die Wolkenbruchmuatta ist mittlerweile verstorben aber manchmal, wenn ich am späten Nachmittag irgendwo im Tal unterwegs bin und an vergangene Zeiten denke, vermeine ich das Knattern ihres Mopeds zu hören, auf dem sie, nach getanem Tagwerk, nach Hause tuckert.
Klettern im Fokus – Olympia 2020
NEU: Kletterführer Kanzianiberg
 

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