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Pippi Langstrumpf

images-3 (C) promiflash.de

Als Kind liebte ich dieses rothaarige Mädchen aus Schweden. Sie war so stark, dass sie ein Pferd hochstemmen konnte. Mich beeindruckte das ungemein.

Erst viele Jahre später kam mir Pippi wieder in die Quere. Diesmal jedoch waren die Rollen anders verteilt. Diesmal musste ich stark sein. Stark genug um sie zu stemmen. Oder besser – sie zu ziehen.

1985. Udo Meschik erzählt mir das erste Mal von dieser 30 m Tour am Kanzi. Viel zu schwer für mich, aber dennoch bin ich neugierig genug um mit Freunden erstmals für ein verlängertes Wochenende nach Kärnten zu fahren. Liebe auf den ersten Blick ist es dann nicht wirklich. Das Wetter ist schlecht. Fast alles am Kanzi triefend nass. Beeindruckend ist die Westwand jedoch allemal. Udo hat nicht übertrieben.

Es bleibt nicht bei diesem einen Besuch. Bald lerne ich den Kanzi von seiner besten Seite kennen. Und mit ihm die einheimischen Kletterer. Und ich muss sagen. Kärnten - das ist wirklich Urlaub bei Freunden. Seither war ich unzählige Male an diesem südlichsten Zipfel Kärntens zum Klettern. Die Pippi ist immer noch offen. Ein paar Reisen werden also wohl noch dazukommen.

Eines Tages, am späteren Vormittag, keuche ich über den kurzen, steilen Schotterweg hinauf Richtung Prasvale. In der Westwand ist bereits Hochbetrieb. Jetzt in den Sommermonaten muss man die Kühle und den Schatten des Vormittags ausnutzen. Wenn erst einmal die Sonne um die Ecke kommt, ist es vorbei mit den guten Verhältnissen und ein Misserfolg geradezu vorprogrammiert. Die Routen sind alle besetzt. Und wer gerade nicht klettert sitzt auf seiner Isomatte im Schatten, führt mehr oder weniger geistreiche Gespräche und schaut den Akteuren bei ihren Bemühungen zu.

Als ich oben um die Ecke biege, klagt gerade Miro sein Leid. Er ist mit seinem Job als Einzelhandelskaufmann mehr als unzufrieden. Vor allem ziehen ihm die immer gleichen Kundinnen mit ihren immer gleichen Marotten den letzten Nerv. Am schlimmsten findet er eine Alte mit ihrem Ziachwagale. Er schließt mit den Worten „der Hund". Volte, der Lehrer, hat ihm zugehört und zieht die Augenbraue hoch. „Der Hund?" Er berichtigt Miro. „Du redest von einer weiblichen Person. Da geht - der Hund nicht". Miro bleibt davon unbeeindruckt. „Geht ma trotzdem am Oasch, der Hund" lamentiert er.

Mein Ziel-die Pippi-ist gerade besetzt. Um diese 30 m Kingline stellen sich an diesem Tag einige Aspiranten an und so wie es aussieht, habe ich genügend Zeit um mich in aller Ruhe aufzuwärmen. Üblicherweise mache ich das in der Filzlaus, einer klassischen, nicht allzu schweren 6c+. Die ist diesmal jedoch auch belagert. Tschero hat wieder einmal zur Tschero-Challenge ausgerufen. Was heißt – Filzlaus zehnmal hintereinander.

Ich kenne diese Prozedur bereits. Und ich weiß – das wird jetzt dauern! Zum Aufwärmen muss ich wohl mit der ersten Seillänge der Stranger vorlieb nehmen.

Tschero ist am Start. Er zieht sein Shirt aus und setzt sich die Kappe auf. Schirm nach vorne heißt – alles im grünen Bereich. Schirm nach hinten bedeutet, Tschero ist drauf und dran blau zu werden. Gar keine Kappe mehr – Tschero ist blau. Und zwar gewaltig.

Nach dem 5. Durchstieg dreht er die Kappe um. Nach dem 7. nimmt er sie ab. Im vollblauen Zustand die Filzlaus dreimal zu klettern hatte er noch nie geschafft. Auch diesmal – trotz frenetischer Anfeuerungen seiner Fans - tropft er beim 8. Mal ab. Schade. Alle bedauern seinen Misserfolg und Tschero legt sich erst einmal nach Atem ringend hin.

Ich wende meine Aufmerksamkeit wieder der Pippi zu. Fredi, der Undertaker, scheitert soeben nach heroischem Kampf kurz vor der Kette im Rechtsquergang und geht fluchend ab.

Die Pippi ist ein echtes Miststück. Eine Prinzessin. Ihre Verehrer lässt sie mit großem Vergnügen oft erst kurz vor dem Ziel abblitzen. Dann nämlich, wenn sich die Bewerber bereits gute Chancen ausrechnen zu landen und umso enttäuschter sind, wenn feststeht, dass ihre Bemühungen wieder einmal vergebens waren.

Da ist die benachbarte Ballet Mechanique ehrlicher. Die sorgt schon auf den ersten Metern für Klarheit. Sie wird daher auch weniger umworben. Wer will schon beim ersten Kennenlernen eine Abfuhr kassieren, die sich gewaschen hat?

Ich habe mich in beide verliebt. Und vorerst bin ich bei beiden abgeblitzt. Aber so leicht gebe ich mich nicht geschlagen. Männer werden mit den Jahren ja angeblich interessanter. Auch für Prinzessinnen.

Andererseits nagt auch an Prinzessinnen und widerspenstigen Schönheiten der Zahn der Zeit. Irgendwann wird ihr Stern zu sinken beginnen und sie sind billiger zu haben. Pippi und Ballet jedoch halten sich erstaunlich gut. Auch heute sind sie noch Schönheiten und auch heute noch sind sie verdammt begehrenswert.

Stunden nach Tscheros Niederlage im Schatten der Kanzi Westwand bleiben auch meine Mühen unbelohnt. Die Platte im unteren Teil der Pippi liegt mir. Meine Finger sind schmal genug um sich in der Rißspur mit links festkrallen zu können und meine Spannweite ist ausreichend um den danach folgenden Dynamo perfekt hinzukriegen. Meine Nerven allerdings sind zu schlecht um den nachfolgenden Runout zum ersten Stand entspannt klettern zu können. Hier lasse ich Strom rein ohne Ende nur um nicht runterzufliegen. Strom, der mir weiter oben fehlt. Dann nämlich, wenn es die rettende Kette schon vor Augen, nach rechts geht.

Wie schon einige Male zuvor muss ich akzeptieren, dass ich für diese rothaarige Göre noch kein Rezept parat habe. Im Rechtsquergang gehe ich ebenso fluchend ab wie zuvor Fredi. Kraftlos, mutlos, am Ende all meiner Illusionen. Ich fluche üblicherweise nie, wenn ich runterfliege, aber die geile Akustik der Kanzi Westwand verleitet einen richtiggehend dazu. In der Pippi macht fluchen sogar Spaß.

Seppl, der mir auf seiner Isomatte liegend zugesehen hat, tröstet mich." Die Pippi ist halt einmal eine schwere Tour", sagt er.

Miro pflichtet ihm bei. „Voll a schware Tour" sagte er und prüfend schaut er hinauf zu der Stelle die mich abgeworfen hat. Nachdenklich fügt er noch hinzu „die Pippi, der Hund"!

Ort (Karte)

9584 Finkenstein am Faaker See, Österreich
Rope Solo
2007 oder Zeit der Jubiläen
 

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