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Soviel zum Thema Fußtechnik

fuss

Zum wiederholten Male schmiere ich ab. Um meinen Haxen auf den Tritt zu bekommen, müsste ich zweimal auf Reibung zwischentreten. Es gelingt einfach nicht. Selbst ein Schuhwechsel bringt mich nicht weiter. Dabei ist der Boulder gar nicht schwer bewertet. Das darf doch nicht wahr sein!

„Du musst deine Fußtechnik verbessern" erklärt mir der Junge, der mit wachsendem Mitleid meine erfolglosen Versuche beobachtet.

„Hääääh"? Ich klettere jetzt seit vierzig Jahren und das Einzige worauf ich mich in all der Zeit so einigermaßen verlassen konnte, war meine gute Fußtechnik. Es gab sogar Zeiten in denen ich als der „Tänzler" bekannt war und jeder der mich beim Klettern beobachtete, bescheinigte mir einen gefälligen, eleganten Auftritt. Auch wenn ich den Durchstieg dann doch noch versemmelte weil die Nerven nicht hielten oder ich sonst irgendeinen Mist baute.

Und jetzt sowas! Ich habe eine zu schlechte Fußtechnik um diese Ranzplatte da hochzukommen, die Bewegungen erfordert, welche es in der Natur draußen ja gar nicht gibt.

Geknickt schleiche ich in den Nebentrakt des Grazer Bloc Houses und finde mich unter einem Überhang ein, der auch noch ein offenes Projekt für mich bereithält.

Da hätte der Junge ja Recht, wenn er mich drauf aufmerksam macht, dass ich keine Überhänge klettern kann. Die Chancen heute noch da raufzukommen sind praktisch nicht vorhanden. Ich kriege ja nicht einmal die Einzelzüge hin. Außerdem bin ich schon reichlich schlapp.

Bei einem meiner kläglichen Versuche vorhin bin ich im Dach abgegangen. Für den Bruchteil einer Sekunde lag ich, wie Paulchen Panther, waagrecht in der Luft und machte ein verdutztes Gesicht. Dann ging es abwärts. Es legte mich aufs Kreuz, dass mir die Luft wegblieb und meine Brille flog bis in den hintersten Winkel der Kletterhalle.

„Du gehörst nicht hierher" mahnt eine Stimme in mir. „Du bist Felskletterer! Du willst draußen noch Träume verwirklichen. Du stiehlst dir die Zeit wenn du da weiterhin an den Kunstgriffen rumfummelst. Hör auf damit. Geh wieder raus!"

Meine trüben Gedanken werden vertrieben, als ich beobachte wie sich eine junge Frau anschickt „mein Problem" in Angriff zu nehmen. Sie war mir früher schon aufgefallen. Nicht nur weil sie klasse aussieht in ihren schwarzen Leggings, sondern auch weil sie extrem lässig klettert. Man sieht ihr die Schwierigkeiten einfach nicht an. Ohne ein Zeichen von Anstrengung flasht sie ein Problem nach dem anderen.

Nun setzt sie sich auf die Matte und startet durch. Scheinbar mühelos dreht und windet sie sich durch den Überhang. Sie erreicht meinen Angstgriff. Hält ihn ohne Mühe. Macht einen Trittwechsel und auch die nachfolgende Leiste kann sie ohne Probleme halten. Jetzt liegt nur mehr der Topgriff vor ihr und ich bin schon dabei, gratulierend in die Hände zu klatschen, als sie doch noch abgeht. Für diesen Zug ist sie schlichtweg zu klein und ihr Verzweiflungsschnapper geht nicht auf.

Für mich ist es gefühlt wohl echt an der Zeit, dem Indoorbouldern ade zu sagen. Jetzt wo nicht einmal mehr meine Fußtechnik dafür ausreichend ist. Draußen ist bestimmt alles besser. Man muss halt wissen wo sein Platz ist.

Gerade als ich mich in Richtung Garderobe aufmachen will. packt mich doch noch mein abhanden gekommener Ehrgeiz.

Einen letzten Versuch möchte ich noch machen, bevor ich wieder rausgehe in die Natur. Eine Abschlussvorstellung sozusagen. Ich ziehe meine Schuhe wieder an und robbe unter den Überhang.

Mit der tiefen Überzeugung, das letzte Mal in meinem Leben Kunstgriffe zu berühren, beginne ich zu klettern. Für eleganten Firlefanz fehlen Kraft und Beweglichkeit und so ziehe ich kompromisslos durch. Mir reißt´s die Füße von den Tritten, mein Körper fliegt durch die Luft aber wie durch ein Wunder bleibe ich an der Wand kleben und powere mich weiter. Meinen Angstgriff erwische ich perfekt und Sekundenbruchteile später stehe ich unter dem Topgriff. Jetzt nur nichts mehr anbrennen lassen! Ich verzichte auf alles, was das Klettern so elegant aussehen lässt und springe voller Entschlossenheit los. Als ich den Topgriff zu fassen bekomme weiß ich, dass diese Vorstellung jetzt eine einzige Orgie brachialer Gewalt war und mit dem Bild, das ich mir mein ganzes Leben von Klettern gemacht habe, so gar nichts mehr gemein hatte.

Wieder unten, kommt der Junge von vorhin auf mich zu. Gratulierend streckt er mir seine Faust entgegen.

„Das sah jetzt ja sowas von locker aus" sagt er anerkennend zu mir. „Und du wirst sehen – das mit der Fußtechnik wird auch noch!"

GBL History – „Die Besucher (Les Visiteurs)“.
"GBL History – Nomen est omen"
 

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