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Testpiloten Vortreten!

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Der Riss zu Beginn war noch dreckig von den vorangegangenen Putzarbeiten. Wie auf rohen Eiern schob ich mich Stück für Stück auf den staubigen Tritten nach oben. Immer darauf bedacht, nur nicht auszurutschen. Ein Sturz wäre aufgrund der vorbildlichen Absicherung zwar ja noch harmlos verlaufen aber die Peinlichkeit, in einem Sechser runterzufliegen, wollte ich keinesfalls riskieren.

Peter bohrte ein paar Meter von mir entfernt gerade eine neue Route ein. Immer, wenn ich zu ihm hinübersah schien er schwer beschäftigt zu sein aber ich wusste, dass er jede meiner Bewegungen aus den Augenwinkeln heraus genau beobachtete.
Ich wiederum versuchte mir nicht anmerken zu lassen, dass ich mir alles andere als leicht tat.
Der Riss ging in eine Platte über. In einem Sechser müsste es hier definitiv Griffe geben. Sosehr ich aber auch suchte und den Fels abtastete – Diese Platte hatte nur ein paar runde Dellen zu bieten und auch Tritte waren Mangelware.
Meine Flucht nach oben wurde letztlich doch noch mit einem sturzfreien Durchstieg der Route belohnt. Auch wenn er alles andere als souverän war.
„Und? Was sagst?" fragte mich Peter, als ich wieder festen Boden unter den Füßen hatte.
Er hatte mich und meinen Kumpel als Testpiloten für einen neu erschlossenen Sektor im Grazer Bergland eingeladen.
Meine Antwort schien ihm zu gefallen.
„Gute Tour" lautete mein Urteil. „Vielleicht ein bisserl hart bewertet. Da kannst du ruhig einen halben Grad dazugeben. Mindestens."
Peter grinste spitzbübisch.

In jungen Jahren versuchte ich mich immer wieder als Testpilot in Neutouren und in der Regel scheiterte ich dabei kläglich. Was jedoch nicht verwunderlich war, denn meist handelte es sich dabei um Kreationen der Bruderseilschaft Ernst und Roman Gruber.
Die Beiden zählen seit meiner Kindheit zu meinen besten Freunden und ich erinnere mich immer wieder gerne an die zahllosen Abende bei den Gebrüdern in der elterlichen Küche zurück.
Manchmal, wenn ich mich von ihnen verabschiedete und nach Hause radelte, hatte ich eine Beschreibung einer ihrer neuesten Erstbegehungen in der Tasche.

„Zick Zack" am kleinen Winkelkogel im Hochschwabgebirge ist so ein Beispiel. Die Brüder hatten die Route im Oktober 1982 erstbegangen und um mit der ersten Wiederholung berühmt zu werden, mussten wir uns beeilen.
Rainer und ich waren schließlich nicht die einzige Seilschaft, die scharf darauf war, sich mit der Zweitbegehung einer „Grubertour" brüsten zu können.
Als wir am Dachl in der zweiten Seillänge beschlossen, zu kapitulieren und abzuseilen, gaben wir die grimmige Novemberkälte als Grund dafür vor. Es war „huschi" wie Rainer zu sagen pflegte. „Sehr huschi".
In Wahrheit aber hatte ich mich bereits in der ersten Seillänge nervlich aufgearbeitet als ich einen der wenigen Haken übersah, die falsche Rampe wählte und ohne Sicherungsmöglichkeit mit allerletzter Kraft den Standplatz erreichte.
Rainer kletterte noch tapfer weiter bis zum vorhin erwähnten Dachl. Haken waren nicht in Sicht und laut Beschreibung wäre direkt darüber eine Siebenerstelle zu bewältigen. Ernst und Roman waren bekannt dafür, hart zu bewerten. Ein plausibler Grund für uns um die weiße Fahne zu schwenken und abzuseilen. Die daneben befindliche klassische Nordwestverschneidung von Raimund Schinko wurde zu unserem genussvollen Ersatzprogramm.

Meine nächste Niederlage erlitt ich, wiederum im Hochschwabgebirge, an der Ostwand des Beilsteins.
Die „große Pleite" von den Gebrüdern zählte zu dieser Zeit zu den anspruchsvollsten Routen im Schwaben. (Die „große Pleite" bezog sich übrigens auf ihren damaligen Kontostand, der es nicht erlaubte, allzu viel Geld in Hakenmaterial zu investieren. Dementsprechend sparsam gestalteten sie die Absicherung).
Nachdem ein erster Versuch, vielversprechend aber doch, in der ersten Seillänge scheiterte, kehrte ich am darauffolgenden Wochenende mit meinem besten Freund Christian zurück. Wir schafften es tatsächlich, die Schlüsselstelle mit dem höllischen Hakenabstand und dem unsicheren Dynamo ganz am Ende sturzfrei hochzukommen und gelangten in den oberen, weitaus leichter bewerteten Teil der Route.
Am Standplatz beglückwünschten wir uns bereits und wähnten die erste Wiederholung im Sack. Im Geiste sahen wir uns wie Gladiatoren im Gasthof Bodenbauer einmarschieren und, bescheiden wie wir nun mal sind, ganz beiläufig von unserer Zweitbegehung erzählen.
Dieser Traum hielt solange an, bis wir unsere Köpfe in den Nacken legten, um die folgende Seillänge über uns zu mustern.
Eine flache Wasserrinne ohne jede Sicherungsmöglichkeit durchzog die glatte Wand und wenn man ganz genau hinsah, erkannte man eine dünne Sanduhrschlinge etwa fünfzehn Meter über dem Standplatz. Irritiert starrten wir auf unsere Routenskizze.
5+!
Christian fand als erster die Sprache wieder.
„Die sind ja verrückt!"
Wortlos richteten wir unseren Abseilstand ein und stolperten kurz danach frustriert durch den Schotter des Rauchtales hinunter zum Bodenbauer.

Wenige Meter rechts neben der großen Pleite eröffneten Freunde eine weitere Neutour namens „Ali Baba". Mit knapp Sieben bewertet, schien sie eine leichte Beute für eine Zweitbegehung zu sein. Die wollte ich mir nach den jüngsten Niederlagen als Trost unter den Nagel reißen und ich rechnete nicht im Geringsten damit, nicht erfolgreich zu sein.
Der langen Rede kurzer Sinn – die Jungs hatten ihre Route maßlos unterbewertet und ich kämpfte in der ersten Seillänge wie ein Löwe, um unbeschadet den Standplatz zu erreichen. Die Tour war sauschwer und grenzwertig abgesichert.
Ob ich oder mein Kletterpartner kapitulierten, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls querten wir nach rechts zur Ostkante, kletterten über diese zum Gipfel und legten uns in die Sonne.

Im Rauchtal schließlich war ich eigentlich nur ein einziges Mal als Testpilot erfolgreich. Und da auch nur als Mitglied einer Dreierseilschaft mit Rainer Wagner und Fredi Schabelreiter. Das Beste daran war, dass ich keine Einzige der schwierigen Seillängen zum Vorsteigen bekam.
Als wir bei beginnender Dämmerung, Ende Oktober, den Gipfel der Stangenwand erreichten, lag die erste Wiederholung der Südwestverschneidung hinter uns.
Die Route war wild, schwer und brüchig.
Wenige Jahre später veränderte der Erstbegeher Gerhard Grabner die Linienführung, umging die wilde Verschneidung mit den riesigen, hohlen Schuppen und nannte die Route „Renaissance".

Nachdem auf der Bodenbauerseite im Hochschwab für mich nichts zu holen war, wechselte ich auf die Fölzalm.
Dort wartete eine brandneue Route auf Testpiloten.
„Hart aber herzlich" an der Westwand des Mitteralpenturms.
Diesmal konnte ich aber echt nichts dafür, dass es wieder nicht zum Gipfelsieg reichte.
Ich stieg die erste Seillänge vor und wieder empfand ich es als viel schwieriger und anspruchsvoller als man es aus dem Topo herauslesen konnte.
Die Seillänge war (für mein Dafürhalten) grenzwertig abgesichert und richtig schwer. Stürzen war in den vielen Passagen verboten und als ich das Rettungsautoband nach vielen wackeligen Aufstehern erreichte, war ich schweißgebadet. Dass es nun auch noch zu regnen begann, war kein unwillkommener Grund um unser Unternehmen abzubrechen und auf die Grasserhütte der Fölzalm zu flüchten.

Eigentlich könnte ich dieser unsäglichen Serie an Misserfolgen als Testpilot noch einige weitere Begebenheiten hinzufügen. Nicht nur mit Versuchen von Zweitbegehungen machte ich mir mein alpines Leben schwer sondern auch mit der Idee, hakentechnischen Routen eine erste freie Begehung abzuringen. Meist handelte es sich dabei um Touren, die nicht zur Creme de la Creme gehörten, praktisch nie geklettert wurden und deren vorhandenes Hakenmaterial bestenfalls als totaler Schrott bezeichnet werden konnte.
Die Rupiliusverschneidung an der Hochschwab Südwand warf uns genauso ab wie die direkte Nordwestpfeilerkante am kleinen Winkelkogel. Hier überhaupt an freiklettern zu denken war mehr als vermessen und unser größter Erfolg war, mit heiler Haut aus dieser Nummer herauszukommen.

Meine schmerzlichste Niederlage jedoch waren zwei erfolglose Versuche an der Voie Verdon im Bärenschütztal.
Eine Kingline an einem mauerglatten Pfeiler, den ich von meinem Zuhause aus sehen kann.
Erstbegeher – no na ned – Ernst und Roman Gruber.
Im Herbst 1986 seilte ich mich das erste Mal mit Walter Laserer über den Pfeiler ab. Wie in der Verdonschlucht erreicht man auch hier den Einstieg nur durch vorheriges Abseilen über die Route. Was einen ziemlichen Nachteil hat – man bekommt gleich einmal einen Vorgeschmack dessen was einen erwartet und bis man den Einstieg erreicht, liegen die Nerven bereits blank.
Wir scheiterten in der zweiten Seillänge. Bereits weit über der letzten Sicherung stehend, tastete ich den Fels verzweifelt nach Griffen ab. Der nächste Haken wiederum war ewig weit über mir. Keine Chance um hier eine Sicherung zu legen. Die Stelle sollte laut Beschreibung der Erstbegeher ein Sechser sein aber mir erschien es viel viel schwerer. Ich fand einfach keine Griffe an denen ich mich ordentlich festhalten konnte und entschied mich in meiner Not für die Flucht nach oben, in der Hoffnung doch noch auf die offensichtlich versteckten Henkel zu treffen.
Meine verzweifelter Antritt endete mit einem Riesensatz die Wand hinunter.
Auch Walter biss sich in dieser Passage die Zähne aus.
Wieder einmal mussten wir dem hohen Kletterkönnen unserer Freunde Tribut zollen aber ich gab mich nicht geschlagen und kehrte ein halbes Jahr später mit Gerhard Pirker zurück. Diesmal schaffte ich meine Angststelle und Gerhard meisterte den nachfolgenden Riss in seinem ihm typischen, kompromisslosen und verdammt effizienten Kletterstil.
Für die letzte Seillänge, einen feinen abdrängenden Piazriss, aber hatten weder er, noch ich das nötige Nervenkostüm.
Wir seilten ab.

Meine Karriere als Testpilot ist ziemlich unrühmlich zu Ende gegangen aber vielleicht erlebt sie ja noch einmal einen neuen Aufschwung.
Dann nämlich, wenn Peter anruft und mich einlädt, eine seiner neuesten Routen zu wiederholen.
Nur um mal zu schauen, ob er mit seiner Bewertung richtig liegt…
Costa Blanca Climbing
Eine Liebeserklärung an unsere Belationships
 

Kommentare 1

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Mike Lizard am Mittwoch, 16. März 2022 12:54

Vom "Scheitern" zu lesen, kann viel interessanter sein, als von der Xten Begehung einer Tour.

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Vom "Scheitern" zu lesen, kann viel interessanter sein, als von der Xten Begehung einer Tour. :D