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9 Minuten Lesezeit (1869 Wörter)

Am falschen Ende des Seiles

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Die Klettermagazine werden mit Berichten von Leuten gefüllt, die am vorderen Ende des Seiles ihre Heldentaten am Fels und auf Plastik vollbringen. Dieser Beitrag soll denjenigen gewidmet sein, die am falschen Ende hängen und außer ein paar schalen Dankesworten (besten Dank, ohne Geduld von xyz, Route nicht möglich, blablabla) und einem Besuch des Staatsanwaltes nichts gewinnen können: den Sicherern.

Meine Karriere als Sichernder begann wenig heldenhaft im Jahre des Herrn1986 am Gipfel des Ratengrats. Mein Bruder streckte sich und reckte sich, um einen Normalhaken zu klinken, futelte herum, verfehlte mit dem Karabiner die Öse um ein paar Millimeter, rutschte vom Tritt und ab die Post. Ich war von der Situation einigermaßen überfordert, ließ das Bremsseil los, dafingerte noch irgendwie das Seil zum Kletterer und stand dann da wie der Ochse vorm neuen Tor. In der Zwischenzeit hatte mein Bruder bereits den Boden erreicht und kugelte munter den Gipfelaufbau hinunter. Dass nichts passierte, war dem glücklichen Umstand zu verdanken, dass mein Bruder bereits beim ersten Haken scheiterte.

In den nächsten dreißig Jahren hatte ich mir als Sichernder wenig vorzuwerfen. Ich bin zwar vom Typ her eher unaufmerksam mit einem Hang zu etwas zuviel Schlappseil, war dann aber nie mehr an Unfällen beteiligt. Mit einer Ausnahme: C. stürzte beim sechsten Bolt vom Phallus Dei, das Seil wickelte sich um sein Bein und er fiel kopfüber Richtung Erdmittelpunkt. Es kam zu einer Pendelbewegung und er haute sich den Kopf an, was ihm eine Platzwunde und drei Nähte einbrachte. Ich bilde mir ein, dass ich etwas zu spät losgesprungen bin und dem Pendler den Schwung besser hätte nehmen können. Man braucht aber schon einen guten Anwalt, um mir etwas nachweisen zu können.

Ich habe am Abseilachter bzw. später dann am Grigri auch keine Heldentaten vollbracht und Leben aus aussichtslosen Situationen gerettet. Nicht so wie E. im Karwendel. Als dem nachsteigenden R. beide Griffe gleichzeitig ausbrachen und der nicht vorhandene Stand versagte, sprang er bei einem Felsköpfel noch tollkühn auf die andere Seite hinunter.

Umgekehrt landete ich wegen eines Sicherungsfehlers zweimal am Boden. In der Fallobstwand war das Seil zu kurz und ein Dornenbusch umarmte mich dann innig. Das zweite Mal war es in der Weißen Wand im Schifahrerweg und das war echt gemein. Wir gingen mit Freunden klettern, die dasselbe Seil (gleiche Marke, Farbe etc.) wie wir hatten. Es gab nur einen glitzekleinen Unterschied: Es war um zehn Meter kürzer und wie es der Teufel will, vertauschten wir die Seile....

Ich will jetzt aber nicht weiter über Unfälle und Beinahunfälle berichten. Soetwas kann man im Alpenvereinsjahrbuch besser nachlesen. Es gibt noch andere Aspekte des Seilzweiten. Wer ist bleistiftsweise mein Lieblingspartner am falschen Ende des Seils? Mit Gruß und Kuss nach Kärnten: Herr Michael N. Nach drei Klettertagen en suite in den Wendenstöcken und einer 40 Meter langen 7a+ Seillänge mit gefühlten fünf Bolts war ich ein physisches und psychisches Wrack. Kein Problem. Herr N. übernahm das scharfe Ende und ich hatte einen noch einen entspannten Klettertag hinten nach.

Man kann sich im Mobilfunkzeitalter gar nicht vorstellen, wie schwer es Mitte der Achtziger Jahre mit einem Vierteltelefonschluss war, überhaupt einen Kletterpartner aufzutreiben. Vor allem, wenn man wie ich eher schüchtern war und eine Murdsmugeltelefonangst hatte. Jeden Donnerstag starrte ich gebannt aufs Telefon in der Hoffnung, dass sich C. oder W. oder E. oder X. meldete. X. war ein Spezialfall. Im Pernegger Freibad große Klappe. Natürlich. Morgen. Brunntal. Sanduhrenparadies. Ich war dann mit schwerem Gepäck am vereinbarten Treffpunkt. Von X. war weit und breit nichts zu sehen und eine Suchaktion blieb erfolglos. Das Spielchen wiederholte sich noch ein paar Mal. Erst Jahre später gestand er mir, dass er einfach viel zu viel Angst gehabt hatte mit mir zu klettern. Wie übrigens auch Sch. Sch. war, was man üblicherweise als Naturtalent bezeichnete. Er hatte Hände wie Tennisschläger, Finger von der Dicke von Krainerwürsten und unendlich viel Kraft vom Holzarbeiten, Kühe melken oder woher auch immer und startete sein Kletterleben in den frühen Neunzigern gleich einmal im Schwierigkeitsgrad 7b. Ich habe ihn aus den Augen verloren, glaube aber, dass er einige 8c bezwang. Im Verdon wollten wir die Route Demon klettern. Mit 7a und sehr kurzen Hakenabständen war das mehr ein Fall für einen Rasttag. Am ersten Stand begann dann das Gezeter. Niemals wieder klettere er mit so einem Selbstmörder wie ich es einer bin undsoweiterundsofort. Da im Verdon nur die Flucht nach oben bleibt, wenn man stundenlanges Abseilen und eine Wanderung in Kletterschuhen vermeiden will, waren die nächsten Stunden eher von der anstrengenden Sorte.

Wann hatte ich selber am meisten Angst als Sichernder? Darf ich ein wenig ausholen? Die Aufwärmroute Golden Girls in der Weißen Wand ist nur im Nebenaspekt eine Hommage an die amerikanische Sit-com mit den vier alten Frauen. Der Routenname entstand aus den goldenen Bohrhaken, mit denen die Route ursprünglich abgesichert war, und den beiden Damen, die bei der Erstbegehung anwesend waren und die -wie ich aus berufener Quelle erfuhr- mir die kleine Boshaftigkeit durchaus übel nahmen. Mit den Golden Girls kletterte ich die Henkelgalerie am Kugelstein und machte vorschriftsmäßig nach der zweiten Seillänge Stand. Was ich nicht bemerkte: Am ersten Standplatz gab es einen riesengroßen Seilsalat und meine Nachsteigerinnen hatten keine bessere Idee als sich aus dem Seil auszubinden und -sich gegenseitig haltend- das Kuddelmuddel aufzulösen. „Wenn ich gewusst hätte, was ihr zwei aufführt", sagte ich ihnen später, „wäre ich vor Angst die Route runtergesprungen."

Ich habe die herausragende Eigenschaft, dass bei Alkoholmissbrauch mein Magen vor meinem Kopf aussetzt, sodass ich nach ein paar unangenehmen Toilettbesuchen am nächsten Tag wieder einsatzfähig bin. Das ist bei meinem foxality-Mitautor So-kann-doch-niemand-heißen-Horst nicht der Fall. Er wohnte damals im einzigen Zimmer im ersten Stock des elterlichen Häuschens (errichtet übrigens zur Zeit der französischen Revolution, wenn man einer Inschrift über der Tür glauben darf), das man ganz standesgemäß nur über eine Leiter erreichte. An einem schönen Maitag kletterte ich fröhlich hoch und fand ein Häufchen Elend vor. Es tue ihm schrecklich leid, er entschuldige sich vielmals, sei noch nie passiert, er würde auch nur sichern, wenn er könnte, aber er kommt einfach nicht aus dem Bett hoch. In seiner Familie sei es seit je her Brauch, dass sich die Männer anlässlich das Muttertages Vollgas die Kante geben. So ging ich mit Doppelseil, Klemmkeilen und zwanzig Expressschlingen zu dem kleinen Felsblock bouldern, der am Weg zur Weißen Wand linker Hand steht.

Einen Großteil meiner Kletterzeit verbrachte ich in der Arena am Einstieg des Taugenichts und wartete auf einen Sicherungspartner. Auf diese Weise schnappte ich mir beispielsweise die slowenische Kletterlegende Marko Lukic, der sagenhaft in Greenpeace verhungerte, oder die damalige deutsche Meisterin M., die mich dann im Phallus Dei sicherte, wo ich wie C. kopfüber abmarschierte. Bei der abschließenden Analyse ihres Kletteraufenthalts im Grazer Bergland beim Fuchswirt landete ich damit aber nur abgeschlagen auf Platz zwei. Es gewann ganz überlegen W. Er hatte sich bei seiner unermüdlichen Suche nach Neuland von der oberen Arena zum Bachbett abgeseilt und war dann neben Frau M. gelandet, die gerade im Bach badete. Genau so gekleidet, wie man es sich erwarten würde, versicherte er.

Seien wir ehrlich: Sichern ist in erster Linie langweilig und in zweiter Linie bekommt man Genickweh. Bei letzterem war die Entwicklung der Spiegelbrille sehr hilfreich. Gegen die Langeweile waren meine wichtigsten Waffen die Sanges- und die Dichtkunst. Wobei es natürlich wichtig war, dass mich niemand dabei erwischte. Kletterermusik, das waren Rave und Dom im Berg, Beat und Bass und Drums, am besten aufgelegt von Christoph Rehrl. Meinereiner wurde von Ba in flagranti dabei ertappt, wie er Big, Big Girl vor sich hinträllerte. Um der Peinlichkeit auch Anschaulichkeit zu verleihen: hier der Link https://www.youtube.com/watch?v=iN__Dxj5Xb4.

Die meisten meiner Gedichte, die während einer Sicherungseinheit entstanden, sind unglücklicherweise in Vergessenheit geraten und können nicht mehr rekonstruiert werden. Eines meiner besseren Werke begann folgendermaßen:

Was denn wohl die Witwe Bolte /

eines Abends von mir wollte/

als sie nackt und ohne Scham/

klammheimlich in mein Zimmer kam?

Irgendwie ging es dann noch weiter mit Gezeter und Gezerre und Geplärre oder so. Wir sollten das Thema jetzt aber in Ruhe lassen.

Tratschen. Sichern und Tratschen ist ein ganz heißes Thema.

N. und ich hatten gerade das Studium abgeschlossen und waren über den ersten Job zu etwas Geld gekommen, das wir dann gleich im internationalen Casino der Investmentfonds aufs Spiel setzten. Wir diskutierten ausführlich alle in Frage kommenden Möglichkeiten und die zu erwartende Rendite. T., der sich gerade mit einer Rotpunktbegehung von Rock' n Roll abmühte, war von meiner Aufmerksamkeit wenig begeistert. Als er den Boden wieder erreichte, packte er den Rucksack und stürmte zum Parkplatz hinunter, wo er sich für den Rest des Tages im Auto einschloss. Die Heimreise verlief dann schweigend. Wenn ich mich recht erinnere, haben wir nie wieder was zusammen unternommen. Mich tröstet, dass er die Route nicht raufgekommen ist, und ihn könnte trösten, dass ich meine Positionen mit 80% Verlust und einem bösen Email an die Bank meines ehemaligen Vertrauens schloss.

Die Route Public Enemy im Zigeunerloch wurde 2007 von Armin Buchroithner erstbegegangen und war lange Zeit als Grillprojekt bekannt. Im Internet steht trocken, dass Christoph Grill schon Mitte der Neunziger ganz knapp an der Route scheiterte. Die genauen Umstände dürften anscheinend nicht bekannt sein und hier spielt ein Sichernder eine wichtige Rolle. C. hatte bereits alle Schwierigkeiten überwunden und es fehlten nur mehr ein paar mittelschwere Züge zum Durchstieg als das Seil klemmte. Warum? Mangels Alternativen hatte sich C. von einem Freund sichern lassen, der zuvor noch nie ein Seil in den Händen hatte und anscheinend hatte dieser etwas durcheinander gebracht.

Ich möchte mich gegen Ende des Beitrags doch wieder auf das Terrain der Beinahunfälle begeben, weil nichts passierte und die Umstände durchaus außergewöhnlich sind. B. berichtete, dass er bei einer Begehung des Zeitgeist stürzte und ihm der Sturz deutlich länger als erwartet vorkam. Als er nach unten blickte, sah er, wie sein Sicherer das Seil mit beiden Händen über Kopf noch krampfhaft festhielt? „Es tue ihm Leid", sagte dieser. „Aber er habe sich gerade mit beiden Händen am Kopf kratzen müssen."

Die abschließende Episode sei meinem Freund Y. gewidmet und wir machen einen kleinen Ausflug ins Bouldern, wo der sogenannte Spotter die sicherungstechnischen Aufgaben übernehmen muss. Meine damalige Freundin und jetzige beste Ehefrau von allen und Mutter meiner Kinder stürzte und landete ungespitzt und bretteleben neben der Bouldermatte im Sand von Fontainebleau, sodass ihr ein paar Minuten lang die Luft wegblieb. Y. leugnete jede Verantwortung. Er spotte immer erstklassig, kann sich das gar nicht vorstellen, vollkommen unmöglich... Zu seinem Pech gab es aber ein Beweisfoto, das zeigte, wie er aus rund zwei Metern Entfernung gerade einmal eine Hand Richtung Boulderdame ausstreckte. Im Kreuzverhör brach er dann zusammen. Es stimme. Mit zuviel Abstand habe er gespottet. Mehr sei ihm aber nicht möglich, weil er das Spotten von Damen einfach viel zu erotisch fände.


*Disclaimer: Für die Richtigkeit der Angaben -obwohl nach bestem Wissen und Gewissen beschrieben- übernehme ich keine Gewähr. Die langen Zeiträume sowie der Wunsch als Vater des Gedanken könnten die Erinnerung leicht verändert haben. Wenn auch die Geschichten manchmal nicht ganz wahr sein mögen, so sind sie sicherlich zumindest gut erfunden.


Zum Autor: Bernhard Lechner. Klettert seit 33 Jahren im Grazer Bergland in der zweiten Liga. Erschloss mehrere Massive (Weiße Wand, Arenablick, Nadelspitz) mit und schockiert seine Umwelt liebend gerne mit kreativen Routennamen (Weiwahassa). Seine jetzige Kletterkarriere findet zur Zeit aus terminlichen Gründen hauptsächlich im blochouse statt.

"We move the world" Paraclimbing Part 1 - Team Öst...
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Kommentare 2

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Stäph M am Montag, 19. März 2018 10:22

Ein aufrichtiges Danke meinerseits für diesen Beitrag! Schließlich sind es die BB's (Belay bitches) die uns ein relativ gefahrloses Klettern ermöglichen

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Ein aufrichtiges Danke meinerseits für diesen Beitrag! Schließlich sind es die BB's (Belay bitches) die uns ein relativ gefahrloses Klettern ermöglichen ;)
Stefan Brauchart am Dienstag, 20. März 2018 20:24

Danke Bernhard! Fürs erschließen und diese Geschichte.

Beizeiten musst du mir sagen wie man den Großen Gauner eigentlich klettert

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Danke Bernhard! Fürs erschließen und diese Geschichte. Beizeiten musst du mir sagen wie man den Großen Gauner eigentlich klettert ;)