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Die Helden von damals

wettkampf Die Helden von damals

Wenn die jungen Bullen die Hörner senken und sich im edlen Wettstreit messen oder meine Erfahrungen als Wettkampfkletterer.

Mayrhofen 1991

Von wegen das Internet vergisst nichts. Über den Kletterwettkampf in Mayrhofen 1991 findet sich im Netz kein einziger Eintrag. Umso wichtiger ist, dass ich ihn wieder in Erinnerung rufe und ihm ein würdiges Denkmal setze, da er ein gewisses "Etwas" hatte.

Es war mein erster Wettkampf. Wir gurkten die 5 Stunden nach Mayrhofen, pennten neben der Ziller Ache und fanden uns schließlich in der Konzerthalle ein, wo der Wettkampf stattfinden sollte. Die Räumlichkeiten waren für einen Vorstiegsbewerb nicht geeignet, will heißen waren ziemlich sehr niedrig, weswegen man die Wand in den Orchestergraben gebaut hatte. Ich hatte bei der Startnummernauslosung Pech und eine hohe Startnummer gezogen und rechnete mit mehreren Stunden Wartezeit in der Isolierzone. Ich sollte mich täuschen. Während ich mir die Zeit in der Isolierzone mit Pseudoaufwärmen, Tratschen und Redbulltrinken vertrieb, kam mir etwas komisch vor: Es ging alles viel zu schnell.

Wir schwenken mit der Kamera nun in den Zuschauerraum. Was sieht man im Publikum? Der hoffnungsvolle Kletterer wird am Seil vom Sicherer zur Wand geführt und springt in den Orchestergraben runter. Dann sieht man kurz zwei Hände auftauchen und hört einen lauten Rumpler. Der Titelaspirant war am ersten Tritt abgerutscht. Der Kletterer bindet sich vom Seil aus und nützt den Orchestergraben, um ungesehen hinter der Wand zu verschwinden. Der nächste Gladiator betritt die Arena. Das Spiel wiederholt sich.

Was war passiert? Die Routenbauer hatten den ersten Zug viel zu schwer gemacht. Man sollte an einem schlechten Griff halb dynamisch nach links gleiten. Das funktioniert, wenn man so gut wie die Routenbauer und Ausnahmekönner Gerhard Hörhager und Luggi Rieser klettern kann und nicht gerade im Wettkampfstress ist. Für meinereinen war Endstation. Nede kletterte natürlich einen Meter weiter als ich und zog triumphierend ins Halbfinale ein und ich glaube, es war Horst... entweder hatte er einen Traumlauf oder er konnte seine Größe geschickt nutzen. Er kletterte knapp 20 Zentimeter weiter als ich und musste nicht -wie ich- in den Orchestergraben rumpeln, sondern streckte nur seinen Hintern nach draußen und setzte sich bequem auf die Kante des Orchestergrabens, wo er sich aus dem Seil ausbinden und seine Schuhe ausziehen konnte.

Ich zog mich selbstredend für mehrere Jahre aus dem aktiven Wettkampfgeschehen zurück.

Mürzzuschlag

Ich saß fiebernd im Publikum als mein Kletterkumpel C. einige Monate später vor die Wand trat. Er band sich ins Seil ein, ich schaute kurz weg, er band sich aus dem Seil wieder aus. Ich dachte, dass er beim Binden des Achterknotens einen Fehler gemacht hatte und ihn neu knoten wollte. Falsch gedacht. Er strandete wie ich in Mayrhofen beim ersten Griff. Es gibt zwischen uns beiden allerdings einen großen Unterschied. Er bestritt nie wieder einen Wettkampf, ich stellte mich nach zwei Trainingswintern wieder zum Kampf, diesmal zu einem Boulderwettkampf in der

Walfischgasse in Wien.

Der einzige Unterschied zu meinem Auftritt in Mayrhofen: Ich fuhr mit dem Zug nach Wien. Klettermeter und Platzierung waren ungefähr gleich, um es kurz zu machen,

Wie heisst es doch so schön: man lernt am meisten aus Niederlagen, oder mein Lieblingskalauer: Man muss nur einmal mehr aufstehen als umfallen. Ich ließ mich breitschlagen, beim

Judenburg Open

mitzumachen. Das Judenburg Open war ein kleiner, regionaler Bewerb. Ich kannte die Pappenheimer, die mitmachten. Nach der Papierform war nur E., der Zweitbegeher des Zeitgeist, Erstbegeher der Flammen der Jugend undsoweiterundsofort nicht zu schlagen. So war es auch. E. gewann gar nicht einmal so überlegen, ich wurde zweiter und freute mich am mehr als fürstlichen Preisgeld von 500 Schilling. Das Judenburg Open zeigt ein Grundthema meiner Kletterkarriere: Ich war gut, aber von irgendwo taucht ein anderer auf, der noch (viel) besser ist. Im nächsten Jahr machte E. nämlich nicht mehr mit, weil er lieber eine Schitour ging und ich rechnete mir schon Chancen aus, 1500 Schilling für einmal im Kreis klettern zu kassieren, als Josef auftauchte. Da half kein Weinen und kein Flehen. J. spielt mental und koordinativ in einer anderen Liga, aber 500 Schilling waren auch nicht schlecht.

Imst

Wir nähern uns dem ersten Höhepunkt meiner Wettkampfklettererlaufbahn. Im Sommer 1993 war ich ganz gut in Form, kletterte Phallus Dei im 67. Versuch und fuhr dann für sechs Wochen ins Gorge de Verdon. Auf der Heimfahrt machten wir einen kleinen Schwenk nach Imst, um die österreichischen Meisterschaften noch mitzunehmen. Ich schwang mich kunstvoll über den ersten Überhang, schlich mich die Platte im Mittelteil hoch und hörte den Sprecher im Lautsprecher jubeln: "Auch Bernhard L. werden wir im Halbfinale wiedersehen...!"

Rossol Vertikal

Kletterer müssen bei einem Wettkampf nicht unbedingt gegeneinander antreten. Es geht auch miteinander. Horst meinte, dass wir Pernegger Kletterer uns unserer Vergangenheit besinnen müssten. Jeder von uns hatte nämlich seine Sportlerlaufbahn als Fußballer beim SC Pernegg begonnen. Wir besorgten uns Leibchen, nannten uns nach dem Klettertreffpunktwirtshaus "Rossol Vertikal" und machten beim Stammtischturnier des Gasthauses Gosch mit. Horst war im Tor mit Juppies Traum und Weiße Gams auf der Ticklist. Obwohl er damit eindeutig unsere Schwachstelle war, wurde er dann sogar zum Tormann des Turniers gewählt. In der Verteidigung spielten C. und W. (Zeitgeist), sozusagen eine solide 8a - Abwehrkette, im Mittelfeld B. (Pump up) und ich war die Speerspitze im Sturm (Phallus Dei). Wir belegten erfolgreich den letzten Platz. Nach dem Turnier kam der Trainer des SC Pernegg auf uns zu, gratulierte Horst, meinte, dass er es nicht für möglich gehalten hätte, dass wir uns so wacker schlagen würden und dass wir auch um den Sieg hätten mitspielen können, wenn wir nur vorne wenigstens irgendetwas zusammengebracht hätten. 

Zwanzig Jahre später suchte ich wegen eines vermeintlichen Bänderrisses einen Orthopäden auf. Bei der Untersuchung sagte er:" Seltsam, das ist sehr seltsam. Ihr rechtes Bein ist gleichzeitig Ihr Standbein als auch Ihr Schussbein." Das ist natürlich beim Fußball eine unvorteilhafte Kombination und könnte eine medizinische Erklärung für den letzten Platz liefern.

Steirischer Meister 2004

Wir müssen die Zeit verletzungsbedingt vorspulen. Von nationalen Bewerben hatte ich genug, bei regionalen war ich -vor allem um das Teilnehmerfeld aufzustocken- dabei. Irgendwann wurde ich USI-Meister, was nicht schlecht war. Es machte nämlich C.B mit, der gerade experimentierte, was durch Hungern und professionelles Training für ihn möglich war (Platz 5 bei den ÖM).

2003 wurde ich bei den steirischen Meisterschaften Dritter und gewann einen Klettergurt im Leopardendesign. Er war so hässlich, dass ich mich nicht traute, ihn O. anzubieten. Er war vor mir platziert aber als Vorarlberger außer Konkurrenz dabei. Der Versuch, den Gurt bei Northland über Kommission zu verkaufen scheiterte, obwohl es angeblich eine ernsthafte Interessentin gegeben hatte. Ich konnte ihn aber für einen geringen Aufpreis gegen einen Rucksack eintauschen.

Meine große Sternstunde kam bei den Landesmeisterschaften 2004. Ich nutzte die Gunst der Stunde, dass außer M. von den steirischen Größen niemand mitmachte. Es ist aber weniger der Meistertitel (ex equo mit M.) der mich freut, als vielmehr der Flow im Finale. In der Mitte der Finalroute war ein Rastpunkt. Ich schaute hoch, betrachtete die Griffe und war mir sicher, dass ich bis zum Top klettern würde. Das ist echt toll: wenn man eine Finalroute klettert und genau weiß, dass man raufkommt.

Grazer Boulder Cup

Es folgten zwei dritte Plätze beim Grazer Bouldercup. Es gelang mir in der Quali das Kunststück in der allerletzten Minute noch drei von acht Bouldern zu klettern, einen davon nicht mehr ganz regelkonform, aber wer wird denn kleinlich sein. Im Finale war dann ein Boulder sehr kleinleistig, meine Spezialität. Bei der Siegerehrung stand ich neben Toni. Es wurde der 8. Platz aufgerufen, der 7., der 6. Ich jammerte ihm vor: „Die haben mich tatsächlich vergessen". Hatten sie nicht. Platz 3 und am Nachhauseweg klimperten 10 Expressschlingen Preisgeld im Rucksack.

Ich fühle mich als

der moralische USI-Meister 2006

Warum? Ich kletterte gleich hoch wie Nede, hatte aber weniger Onsightflushbonuspunkte aus der Quali, um die er sich gegeiert hatte. Das war für mich einfach nicht möglich. Ich hatte nämlich meinen sechs Monate alten Babysohn dabei, Frau Lechner kletterte selbstverständlich auch mit, und so war ein Versuch nur möglich, wenn ich nicht Huppa machen musste und Vordrängeln zum Onsight ging schon gar nicht.

Der Ausblick 2019

Das Ziel sind immer die blocgfrasta und seit zwei Jahren läuft mein Projekt „DownToTen", will heißen, dass nur 10 von den 99 Bouldern übrigbleiben dürfen. Bislang bin ich immer gescheitert, aber heuer, heuer könnte es klappen, wenn die Routen nicht so schwer wie voriges Jahr sind, es keine linken Untergriffe gibt (kann mein Handgelenk nicht drehen), es keine Stützboulder gibt (keine Druckbelastung aufs Handgelenk), nicht allzuviel im Übergang geschraubt ist und die Sprungboulder harmlos sind (die Dreipunkteregel sitzt halt tief) …

Und die Moral von der Geschichte?

Stefan Fürst, Hannes Rieser, Günter Unterrainer, MM, und wie die Helden von damals alle hießen. Sie alle waren viel erfolgreicher als ich und kletterten um Welten besser. Aber ich habe die besseren Geschichten zu erzählen. Und das ist auch nicht schlecht, oder?

Ort (Karte)

6290 Mayrhofen, Österreich
NACHHALTIGKEIT einst und jetzt – sind wir schon NA...
Lhasa. Peter Aufschnaiter
 

Kommentare 2

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Horst Jobstraibitzer am Mittwoch, 20. März 2019 04:29

Herrlich geschrieben Bernhard. Ich fühle mich wieder jung...

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Herrlich geschrieben Bernhard. Ich fühle mich wieder jung... :)
Emanuel Hacker am Donnerstag, 21. März 2019 21:38

Wunderbare Erinnerungen! An den Boulderwettkampf in der "Fun Hall" (siehe Bilder) kann ich mich auch noch gut erinnern. Danke für den Beitrag

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Wunderbare Erinnerungen! An den Boulderwettkampf in der "Fun Hall" (siehe Bilder) kann ich mich auch noch gut erinnern. Danke für den Beitrag :D