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6 Minuten Lesezeit (1114 Wörter)

Barbara Raudner - Rock Addict

Barbara-Raudner

Beim Stöbern in meinem Archiv bin ich über eine Geschichte gestolpert die ich vor einem Jahr geschrieben und nie an die Öffentlichkeit gebracht habe. Die Story ist nicht mehr aktuell denn Barbara hat den Zeitgeist längst abgehakt und ist nun bereits am Phallus Dei (eine der weltweit ersten 8b`s) in der hinteren Arena dran.Viel Spaß beim Lesen.

Über den Kipp.

„Jetzt ist das Ding über den Kipp" stellt Wolfgang Nidecken, Songwriter der Kölner Kultband BAP, fest und lehnt sich müde zurück. Was mit einer vagen Idee und ein paar, ins Ohr gehenden Takten begonnen hat, ist in den vergangenen Tagen und Nächten zu einem Song gewachsen der seine Seele wiederspiegelt. Das Schwierigste liegt hinter ihm. Nidecken ist zufrieden.

Über den Kipp ist auch Barbara Raudner in ihrem neuesten Projekt. Soeben hat sie mit der Einstiegspassage ihr letztes Rätsel im „Zeitgeist" (8a) in der Arena bei Mixnitz gelöst. Schwerer als alle anderen Stellen in der 22 Meter hohen Route seien ihr diese Züge ganz zu Beginn gefallen, erzählt sie. Alle gängigen Lösungen habe sie versucht. Viel mit den Locals über diese Stelle diskutiert. Eine Mischung aus allen Möglichkeiten ist es schließlich geworden. Nun gelingt es ihr, die senkrechte Leiste für drei Fingerkuppen ihrer rechten Hand kontrolliert in statischer Kletterei erreichen. Barbara klettert die Stelle noch ein paarmal um ganz sicherzugehen. Spielerisch sieht es für den Beobachter aus. Ohne ersichtliche Anstrengung. Dennoch – die Stelle ist schwer – auch wenn man es ihr nicht anmerkt. Wieder erreicht sie die Leiste. Sie dreht den Körper nach rechts um ihren Schwerpunkt unter den Griff zu bekommen. Nur aus dieser stabilen Position heraus kann sie ihre linke Hand lösen um das Seil in den Karabiner zu klippen.

„Wenn es für sie passt sieht es immer leicht aus" sagt ihr Mann Hannes, der sie geduldig sichert. Für heute weiß Babsi, wie sie von Freunden genannt wird, genug und Hannes lässt sie am Seil ab. Die oberen Passagen hat sie seit längerem im Griff und für einen Durchstiegsversuch ist sie heute schon zu müde. Ausserdem lockt die hintere Arena. Sie grinst verschmitzt. Vor der Heimreise möchte sie noch unbedingt in eine der 8b Routen, die durch den weit ausladenden Überhang ziehen, einsteigen. Nur um zu sehen ob ihr die Kletterei liegen könnte.

Erst vor ein paar Monaten haben die beiden das Bärenschützthal nördlich von Graz für sich entdeckt. Auf der Suche nach attraktiven Kletterzielen in näherer Umgebung ihres Wiener Reihenhauses wurden sie hier, in der Steiermark, fündig. Schon nach ihrem ersten Besuch im Spätherbst war ihnen klar, dass dieses Tal Kletterziele für mehrere Sommer bereithalten wird.

Die Route Zeitgeist, 32 Jahre zuvor vom Grazer Sportkletterpionier Thomas Hrovat erstbegangen, war die erste 8a Österreichs. Mittlerweile gilt der Zeitgeist als „der" Extremklassiker im Grazer Bergland und ist demzufolge auch über die steirischen Grenzen hinaus bekannt. Entsprechend international liest sich auch die Liste ihrer Bezwinger. Alexander Huber aus Berchtesgaden war der Erste und bisher wohl auch Einzige der die Route flashen konnte. Marietta Uhden aus München durchstieg den Zeitgeist als erste Frau. Die Slowenin Martina Cufar folgte 2006 ihren Spuren. Nun ist es Barbara, übrigens eine gute Freundin von Martina, die sich als eine der wenigen Frauen bisher, mit der Route auseinandersetzt. Einige Fahrten über den Semmering hat es bisher gebraucht um die Route zu entschlüsseln. Nun geht es an den Durchstieg. Genauso wie Nidecken sein Lied noch im Studio einspielen muss, muss auch sie noch die Route in einem Zug durchsteigen. Erst dann gilt das Projekt als abgeschlossen.

Am Boden angelangt schlüpft sie in ihre modische Jacke des italienischen Kletterlabels E9. Seit einigen Jahren kann man sie als Kletterprofi bezeichnen. Als Verkaufsrepräsentantin vertritt sie E9 in Spanien. Für Sterling Ropes und Metolious ist sie in Italien aktiv. Von La Sportiva wird sie gesponsert. Zusätzlich arbeitet sie als Klettercoach und hält Kurse in einer Wiener Kletterhalle. Damit geht es finanziell ganz gut meint sie. Es reicht, um viel Zeit in den europäischen Topgebieten verbringen zu können. So oft es geht wird sie dabei von Hannes begleitet. Auch er hat seinen Angestelltenjob an den Nagel gehängt. Als Repräsentant von Metolious, E9 und Sterling ropes kann auch er sich die meiste Zeit des Jahres recht flexibel einteilen. Zusätzlich ist er Fotograph. Die in Presse und Internet veröffentlichten Bilder von Barbara sind zum größten Teil von ihm. In letzter Zeit fotografiert er auch für eine Immobilienfirma. Auch hier spiegeln die Bilder sein gutes Gespür für Linien, für Licht und Ästhetik wider. Stets hält er Ausschau nach einer einer guten Kameraposition, nach einer guten Einstellung. Seinen Fotos sieht man an, mit welcher Liebe zum Detail sie gemacht wurden. Auf jedem einzelnen lässt sich, bei genauerer Betrachtung, etwas Spezielles finden. Sei es der Schatten Babsis, der mit ihr um die Wette zu klettern scheint oder der Schleierwasserfall im Hintergrund, der sie wie Andromedanebel verschlucken möchte.

Barbara verarztet derweil ihre Finger. An einigen Stellen hat die Haut sehr unter den kleinen Griffen gelitten und ist durchgeklettert. In Spanien ist sie an größeren Griffen geklettert und es hat eine Weile gedauert bis sie die spezielle Fingerkraft, die man im Zeitgeist benötigt, wieder aufgebaut hat. Nun aber ist der „Fingerstrom", wie sie sagt, wieder da. Nur die Hornhaut fehlt noch ein wenig. Mit Tape werden die aufgerissenen Hautpartien überklebt.

Obwohl sie erst mit 27 Jahren den Klettersport für sich entdeckt hat, gelang es ihr, als erste Österreicherin,den Schwierigkeitsgrad 8c zu klettern. Einige weitere sind in der Zwischenzeit noch dazugekommen und als sportlichen Höhepunkt konnte sie, als zwölfte Frau weltweit, mit „Mind Control" im katalanischen Klettergebiet Oliana, eine 8c+ durchsteigen. Nominell dazu ist der Zeitgeist ein kleiner Fisch. Die Züge aber seien dennoch sauschwer, reflektiert sie. Old school eben. Nicht so steil wie die Toprouten der heutigen Zeit, aber dafür mit richtig kleinen Griffen. Auch ist der Name richtig gut gewählt. Er spiegelt tatsächlich den Geist der damaligen Zeit wider. Einer Zeit , die geprägt war von der Aufbruchstimmung der damals noch jungen Sportkletterbewegung. Einer Zeit in der niemand von den Akteuren eine Vorstellung davon hatte, wo die Reise hingehen würde. Mit dem „Zeitgeist" wurde in der Arena Sportklettergeschichte geschrieben. Mit „Phallus Dei" in der hinteren Arena kam 1986 ein weiterer Meilenstein steirischer Kletterkunst dazu. Weitüberhängend und kraftvolle Bewegungen erfordernd, zieht die Route im Zentrum des Massivs nach oben. Diesmal war es Robert Kerneza der mit der ersten 8b Österreichs die Messlatte weiter nach oben verschob.

Jetzt, in den Abendstunden - es hatte merklich abgekühlt - steigt Babsi bei besten Bedingungen in den Überhang ein. Schon die ersten Bewegungen sind schwer. Babsi klinkt den ersten Haken und streckt sich weit nach links zum einem Loch für drei Finger…

Spätabends kommt dann ihre SMS. „Wowwww" schreibt sie da begeistert. „Was für eine Route!!!!". Und im Nachsatz: „ Die ist genau Meins".

Ganz ohne Leiberl.
Eine Prise Glück...
 

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