Christian Untersteggaber - der MC Fitti der Grazer Kletterszene

Christian Untersteggaber - der MC Fitti der Grazer Kletterszene

Interviewserie Teil 3, diesmal mit Christian Untersteggaber, dem Lienzer Exportschlager hier in Graz!

Chris ist überall dort wo geklettert wird. Als Boulderer in der Halle, als Trainer, als Mädchen für alles, als Geldeintreiber an der Kasse und natürlich als Kletterer am Fels. Eines kann ich schon vorweg nehmen: der Typ hat Strom! Und das lange! Viele Kletterer geben richtig Gas, wissen nicht was sie tun, das dafür sehr lange - hier ist jemand der a) weiß was er tut und das b) auch noch sehr lange durchhalten kann. Und wo wir gerade bei Länge sind....ach, wir wollen ja nicht abschweifen. Jedenfalls ein fettes MERCI für das Interview, die Einblicke in dein Kletterleben, einen sehr emotionalen und aufopfernden Zugang zum Klettern und natürlich für alle Gespräche außerhalb dieses Interviews!

CLIMBING.PLUS: Back to the roots. Du bist wieder bei deinen Kletteranfängen. Egal wie es ausgesehen hat, was würdest du aus heutiger Sicht anders machen?
Ich habe eigentlich meine Anfangszeiten relativ genossen. Was ich vielleicht anders machen würde wär, dass ich gleich einmal in verschiedene Gebiete gefahren wäre. Einfach meinen Horizont ein bisschen erweitern und versuchen nicht immer wieder das Gleiche zu klettern. Das haben wir am Anfang brutal viel gemacht. Da sind wir Samstageweise immer zum gleichen Fels hin, immer die gleichen Touren… das war irgendwie lässig und es war auch lustig, ich bereue es auch nicht wirklich, aber ja klar, je mehr man sieht desto besser.

Du boulderst sehr viel in der Halle. Draußen bist du aber die meiste Zeit mit Seil unterwegs. Warum ist das so?
Also für mich war und ist die Halle immer etwas zum stärker werden und stärker wird man übers Bouldern. Klar könnt ich jetzt auch draußen bouldern und eventuell auch stärker werden, aber trainingstechnisch ist es ein leichterer Zugang. Der Zeitaufwand für draußen ist ein anderer. Es ist vielleicht in Graz auch, dass das Bouldern anders ist. Oder zumindest nicht so wie ich mir das vorstelle. Die freistehenden Blöcke gibts jetzt nicht so wirklich und da fallen mir jetzt nicht wirklich viel coole Linien ein. Beim Seilklettern sieht die ganze Geschichte schon anders aus, da sind die Zugänge sehr viel eindeutiger. Aber ich gehe auch raus zum Bouldern und es könnt gut sein, dass ich dann eine Zeit lang auch nur bouldere. Im Winter mutiere ich einfach etwas zum Hallenfuzzi und friere mir nur ungern draußen für 3 Züge etwas ab, obwohl das ja auch Spaß machen kann.

Dein Kletterpensum ist ziemlich hoch. Nebenbei studierst du, hast eine Freundin und arbeitest auch noch. Wie bewältigt man diese unheilige Dreifaltigkeit, auf diesem Kletterniveau, ohne Stoßgebete?
Äh ja. Studieren… ist eigentlich… das fällt relativ geschwächt aus in den letzten Jahren, daher ist das nicht der große Stolperstein. Arbeiten: Ja, es wird immer mehr, und es taugt mir auch. Ich mache ja immer eine tolle Arbeit. Freundin ist ein Thema, auf jeden Fall. Es ist auch nicht so, dass ich da immer alles richtig machen würde. Es ist schwer, aber man muss versuchen es unter einen Hut zu bekommen und auf dem Niveau... Ich finde auch nicht, dass mein Niveau jetzt so superhoch ist, aber ich komme mit dem, was ich mache, ganz gut zurecht und habe es immer geschafft etwas ein kleines bisschen besser zu machen. Das ist im 2013ner Jahr etwas eingeschlafen, aber ich hab halt gemerkt um was es mir beim Klettern wirklich geht. Das ist nicht nur die Jagd nach den Graden. Es hat auch etwas mit der Linie an sich zu tun und dann ist es auch OK jedes Jahr nicht noch schwerer zu klettern. Trotzdem möchte ich mein Level schon steigern, dafür trainiert man ja auch, und das macht mir schon Spass.

 

CLIMBING.PLUS: Apropos Kletterpensum: seit 2007 hast du 551 Routen 6b+ und schwieriger auf 8a.nu eingetragen. Hattest du nie das Gefühl, dass du etwas Neues einbohren willst? So quasi “dein Projekt” und “dein Durchstieg”?
Ja voll! Also vor 2 Jahren war das auch so, dass mich ein Kollege mitgenommen hat zu einem Gebiet, das jetzt schon in einer Umgebung liegt wo viel geklettert wird. Nur der Bereich halt gar nicht. Wir haben die Route zusammen ausgecheckt, irgendwann ist es um den First Ascent gegangen und das hat mich extrem gereizt. Er ist es dann vor mir geklettert, sehr unerwartet eigentlich. Nicht weil er es nicht drauf gehabt hätte, sondern ich dachte, er kommt erst einen Tag später. War aber auch voll ok, denn es war seine Route und ich hab mich irrsinnig gefreut für ihn. Ich hab’ dann die zweite Begehung gemacht. Das war schon richtig geil und in dem Prozess ist mir aufgefallen wie cool es gewesen wäre, eine Erstbegehung zu machen. Ich hab’ die Ideen, ich seh die Linien, nur fehlt mir die Bohrmaschine und da muss ich ehrlich sein, auch ein bisschen die Zeit. Also, der Wille ist auf jeden Fall da. Im Moment bin ich wahrscheinlich eher der Konsument als der Ersteller, aber ich hätte wirklich gerne, dass sich das ändert. Das ist auch etwas auf das ich mich in der Zukunft konzentrieren will.

CLIMBING.PLUS: Bleiben wir bei deinen Routen. 5x8b, 12x8a+ und 45x8a stehen auf deiner Ticklist. Wie ist es regelmäßig einen Grad zu klettern, von dem viele nur träumen können? Und was braucht man dazu?
Grundsätzlich...8a war irgendwann einmal so eine Hürde. Da hat man sich einmal hingearbeitet und als diese Hürde übersprungen war, habe ich gemerkt: da ist noch was drin. Dann geht man zum nächsten Grad und merkt da ist auch noch was drin und das ist bei 8b auch so, dass i merk, da ist noch was drin. Was die härteren Grade erfordern ist eben, dass man noch mehr dabei bleibt und sich das halt noch genauer gibt. Das ist sicher nicht das Problem, das wird auch passieren. Und warum soviele 8a’s: Mitunter ein Traum von mir war halt das relativ schnell zu klettern. Ich finde es einfach irrsinnig cool in ein Gebiet zu fahren und das dann zu klettern. Meistens sind es echt geile Touren und da einzusteigen und die zu punkten ist einfach super. Und was es dazu braucht….ich sehe sehr viel Leute die sicher genug Strom haben, sich aber nicht so konzentrieren können auf 20m und nicht das hinkriegen was sie zu machen haben. Wo ich angefangen habe zu klettern war ich nicht stark, ich habe halt einfach das, was ich zur Verfügung gehabt habe, einsetzen müssen und hab mir einen Plan gemacht und dann hat’s halt meistens funktioniert. Das ist mein Zugang und ich kann das halt - ein Programm abspulen - das ist mein Ding.
Und warum gerade die Schweren und nicht von 6a - 6c?
Wie gesagt man klettert mal einen Grad und merkt dann man kann mehr und noch mehr. Wenn man das dann merkt fällt es einem schon schwer zurück zu gehen zu den leichteren Graden, wenn man weiß, dass man schon schwerer geklettert ist. 6a - 6c’s sind schon ein guter Bereich, aber im Grazer Bergland hört sich´s damit relativ schnell auf und man wird praktisch schon dazu gezwungen sich zu entwickeln.

CLIMBING.PLUS: Du bist außerdem Instruktor Leistungssport und trainierst Jugendliche. Was ist dein weiteres Ziel bei Ausbildungen und warum?
Ich habe letztes Jahr den Trainer Grundkurs auch absolviert und das taugt mir einfach irrsinnig Leute zu trainieren und zu unterstützen. Vielleicht ist dies auch ein wenig was ich selber verpasst habe, aber grundsätzlich weil ich das gerne weitervermitteln möchte, das Klettern. Ich setze mich auch sehr gerne mit dem Klettern auseinander und ich denke, ich kann das relativ gut - Leuten das zeigen, die anstecken und weiterbringen, das taugt ma einfach. Ich möchte nächstes Jahr den Spezialtrainer machen und dann auch die Routenschrauberlizenzen und alles Drum und Dran. Ziel ist dann schon in der Steiermark mich als Trainer zu etablieren und dann einmal schauen wo es hingeht.

CLIMBING.PLUS: Du hast sehr lange einen Blog im Internet über deine Routen und Projekte geschrieben. Liebevoll ausformuliert und wohlüberlegt. Diese ist seit 1,5 Jahren nicht mehr aktualisiert worden. Was waren die Gründe?
Die Gründe kann ich so genau gar nicht nennen. Es ist sicher auch das Jahr 2013 etwas mit Schuld daran, das nicht so funktioniert hat wie ich mir das gedacht habe. 2012 war einfach ein Hammerjahr und vorher war es immer so, dass ich mich verbessern hab können und natürlich wollte ich das 2013 auch machen. Wahrscheinlich war da der Fokus zu sehr darauf, Übertraining vielleicht, keine Ahnung, auf jeden Fall ist das total in die Hose gegangen. Ich habe nicht mehr gewusst was ich schreiben soll. Soll ich von dem schreiben, dass ich schon wieder runterfalle….vielleicht wäre es sogar interessant gewesen, aber das hat mich irgendwie net g´schert. Ich hab’ mich auch wieder dafangen. 2014 war echt geil, da ist dann soviel passiert, dass ich nicht mehr gewusst habe, wo ich anfangen soll. Es ist auch in meinem Privatleben ein wenig was passiert, meine Ausgangssituation ist jetzt ein bisschen a andere. Aber ich möchte jetzt dann wieder einsteigen. Werde vielleicht einen groben Abriss darüber schreiben und dann einfach wieder von 0 beginnen und quasi mit dem Jahr wieder beginnen meine Sachen aufzuschreiben. Mein Kletterumfeld hat sich auch verändert, vielleicht hat es auch etwas damit zu tun.

CLIMBING.PLUS: Wieso gibt es sowenig Grazer, deiner Meinung nach, die ihre Erlebnisse und Erfahrungen teilen wollen?
Ich glaube der Kletterer an sich ist eher introvertiert - und das allein ist schon so die Geschichte. Und dann gilt es vielleicht irgendwo als uncool. Also, ich hab’ das selber auch schon mal gehört. Blog schreiben ist ja uncool und waaah wie peinlich. Ich glaube, viele Leute trauen sich auch nicht drüber oder haben auch nicht die Zeit. Das darf man gar nicht unterschätzen, sich hinzusetzen und was zu schreiben, das dauert. Es ist vielleicht nicht für jeden der Zugang, den ich aber hatte. Ich lese sowas sehr gerne und würde mich über ein Mehr von solchen Sachen freuen.

CLIMBING.PLUS: Deine härtesten Routen waren in der Arena und im Zigeunerloch. Welche hat dir am Meisten abverlangt und wie war das?
Meine härteste Route war sicher die Big Time (Anm.: 8b) in der Arena. Im Nachhinein gesehen habe ich gar nicht so irrsinnig lange gebraucht, im Vergleich zur Stalker (Anm.: ebenfalls 8b) die war sicher intensiver. Aber warum dann die Big Time: Weil sie mir von der Linie einfach viel besser taugt und von der Kletterei. Sie hat mir psychisch sehr viel abverlangt. Ich kann mich noch gut daran erinnern als ich das erste mal drin war und mir dachte: "So das wird jetzt a zache G´schicht werden." Natürlich war es physisch auch hart fit zu bleiben für die letzten Züge und eben auch dieses immer wieder an mich glauben, wenn ich da einsteige. Man muss einfach bis zum Schluss voll dranbleiben und das war nicht bei jeder Route so extrem wie es bei dieser war. Es war auch eine sehr schöne Zeit. Zum Aufwärmen waren immer die Klassiker da in der Arena und allein das taugt mir immer wieder und deshalb kehre ich da irrsinnig gerne wieder zurück.

CLIMBING.PLUS: Nun zu etwas anderem. Immer öfter kommen mir Szenen unter wo Leute Spots mit ihrer Musik über kleine Lautsprecher beschallen, Gasradiatoren zum Schuhe wärmen oder LED-Scheinwerfer für Nightsessions verwenden. Dein Statement dazu?
Ich habe das Klettern draußen immer sehr genossen wegen der Ruhe. Also ich bin nicht der Schwimmbadmensch, gehe also nicht gerne ins Freibad wo Halligalli und wasweißichwas ist. Deswegen kann ich dem relativ wenig abgewinnen. Musik hören ist schon cool, wenn es hin und wieder passiert, dass jemand mal einen Radio aufdreht dann OK, aber ich brauch das nicht jedes Mal und finde es auch ein wenig peinlich, wenn man dann so auf dicke Gruppe macht. Es ist einfach nicht mein Zugang zum Klettern - Ruhe und weg vom Trubel liegt mir da schon eher, Lärm habe ich eh ständig in der Stadt um mich.

CLIMBING.PLUS: Was braucht es um von 7a auf 8a zu kommen?
Hingabe. In jedem Fall. Und ein wenig Kletterintelligenz, die manchmal extrem fehlt, und seine sieben Sachen beieinander haben. Einmal Sachen auch ausprobieren, schwere Züge, was liegt mir, was nicht, woran sollt ich arbeiten. Von 7a auf 8a war für mich jetzt nicht so, dass ich eine 7a, eine 7b, eine 7c und so weiter gemacht habe. Sondern ich habe mal geschaut, dass ich 7a solide klettern kann und dann 7b und so weiter. Dadurch habe ich mir ein Repertoire angeeignet. Vielleicht habe ich auch meine Finger und Bänder damit geschont und aufgebaut. Es läuft einem auch nichts weg. Die Routen bleiben da, die hauen nicht einfach ab. Du hast alle Zeit der Welt, außer du bist jetzt 30 Jahre alt und willst es unbedingt vollgas wissen. Aber ansonsten den Prozess einfach genießen. Im Grazer Bergland ist man dann schnell einmal mit den schweren Routen durch und dann ist’s Scheiße!

CLIMBING.PLUS: Bitte setze fort: 8b zu klettern ist wie Sex mit…...während du …………...machst!
8b zu klettern ist wie Sex mit meiner Freundin während ich 1-4-7 mache…..keine Ahnung...voll der schwere Satz. I nehm mal an, i sollt mit der Frage beschreiben wie seltsam, anstrengend usw es is, eine 8b zu klettern. Also Stalker z.B. is a kurze, knackige Tour. Wo ich sie durchgestiegen bin, war ich nicht gepumpt, i war net goa (Anm.: erschöpft). Es war wie eine Kür beim Turnen. Durchtänzeln und gar net stressig. Viel stressiger ist oft das Auschecken, dann an sich zu glauben und das Nötige machen. Das Durchklettern ist nie arg stressig, finde ich. I denk, es is im Endeffekt egal, ob du 8b, 7b, 6b oder keine Ahnung was kletterst, weil das ganze Schwere immer vorher passiert und dann der Durchstieg meistens eh so optimal läuft, dass man sich am Ende oft fragt, was man hier eigentlich so lange aufgeführt hat, dass man nicht schon früher am Umlenker war.

CLIMBING.PLUS: Du bist ziemlich viele Link-Ups, Variationen, Fortsetzungen, Überschneidungen und wasauchimmer, jedenfalls einen Haufen Linien die man nicht als eigenständig bezeichnen könnte, geklettert. Geht es dir dabei um die Züge oder um die Schwierigkeit? Stört es dich, dass es keine eigenständige Route ist oder ist dir das egal?
Das ist mir egal. Und vor allem bei uns in Graz ist es auch nicht so, als ob wir hier die großen Felsen mit Routen ohne Ende haben. Vielleicht muss man kreativ sein, und ich lass es mir nicht verbieten. Warum auch? Wenn ein Topo rauskommt, und das ist z.B. bei der Peggauer Wand (btw: Selbst in der Arena ist das auch passiert mit der Route "Trainingswahn" und es is a geniale Route) passiert, da sind zwei Kombinationen drinnen und plötzlich klettert das jeder. Die findet man bei 8a.nu eingetragen. Also, wenn es von oben abgesegnet wird, erst dann ist es ok? Wenn es jemand anderer macht dann irgendwie nicht? Das ist mein eigenes Ding und da kann jeder sagen was er will, das ist mir egal. Ich mach das für mich, ich trag’s auch ein und wenn das jemanden stört, kann er sich gerne an mich wenden. Ich bin da total offen für das, nur sinnlos sollte es halt nicht werden. Im Prinzip habe ich nichts dagegen und vielleicht inspiriert es andere auch es zu machen. Warum nicht?

CLIMBING.PLUS: Letzte Frage: Wieviel Bier kannst du trinken und noch immer 6a klettern?
King of Kanzi waren wir den ganzen Tag klettern und wir sind zurückgekommen nach 8 Stunden klettern und wir haben ziemlich viel onsight probiert. Und dann hat mir der Jörg ein kleines Bier gegeben und danach war ich schon ziemlich gut beieinander. Dann habe ich noch einen Radler getrunken und dann war ich paniert. Also, wahrscheinlich geht sich dann 6a mit Ach und Krach noch aus, viel mehr wird’s nicht mehr sein.

 

Danke für das Interview. Das war's auch schon, vielleicht findet sich bald das nächste Opfer für ein Interview aus der Grazer Kletterszene :)

Webseiten Relaunch
Bernd Schlögl - Boulders, Betas and Beats

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