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4 Minuten Lesezeit (757 Wörter)

"GPS"

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Simon steht mitten auf der Via Sighele in Massone. Unter ihm ein Kanaldeckel und in seiner Rechten das Handy mit der GPS App.

„Hier ists" verkündet er.

Alter, was hab ich denn hier gebucht? Ein Souterrainappartement?

Simon weicht einige Schritte von seiner Position ab nur um kopfschüttelnd sogleich wieder zu seinem Kanaldeckel zurückzukehren. Kein Zweifel! Unsere, im Internet gebuchte Ferienwohnung, ist ein Kanaldeckel mitten auf der Straße. 

Na toll!

Erst nach ewigem Hin und Her löst sich alles zu unserer vollsten Zufriedenheit auf. Unser Appartement stellt sich schlussendlich als Goldgriff heraus und hat mit den GPS Daten so gar nix am Hut.

Ich bin ja, als Ewiggestriger, ein Gegner von Navis. GPS Koordinaten sind mir überhaupt ein Gräuel. Selbst auf meinen beruflichen Reisen in den Ruhrpott verzichte ich darauf. Da muss ich allerdings zugeben, dass ich mir schwer tue. Alles ist dort eben! Nirgendwo findet das Auge einen Landschaftspunkt an dem es sich orientieren kann. Meine einzigen Fixpunkte sind die Sonne und eine IKEA Reklametafel kurz vor Duisburg.

Sobald es aber gebirgig wird, bin ich am Posten. Da finde ich mich zurecht, als hätte ich nie woanders gelebt. Ich bin sogar einmal ins Verdon gefahren mit einer Frankreich Straßenkarte in A4 Größe. Die Strecke von Nizza nach La Palud betrug auf der Karte exakt einen Zentimeter. Gleich nach der Grenze bin ich bei St. Isidor rechts abgebogen und in eine Schlucht gedüst, die von Kilometer zu Kilometer enger und enger wurde. Christian, mein Kumpel, wurde von Minute zu Minute unruhiger, bis er mich nach drei Stunden Fahrzeit fragte, wann wir denn endlich am Ziel wären. Ich zuckte mit den Schultern.

„Keine Ahnung"

„Wie? Keine Ahnung? fragte er mich irritiert. „Du warst doch schon einige Male im Verdon"

„Das schon, aber die Strecke hier kenne ich noch nicht"

„Waaaaaaas?"

Bei der nächsten kleinen Ortschaft hielten wir vor einer Bar an. Christian vertraute meiner Navigationskunst nicht mehr und hatte beschlossen sicherheitshalber nach dem Weg zu fragen. Noch bevor er die Bar betreten konnte, fiel ihm ein Straßenschild auf.

„Montblanc 15 km", stand darauf zu lesen.

Christian schnappte kurzzeitig nach Luft.

„Weißt du eigentlich wie weit der Montblanc vom Verdon entfernt ist?" .

Ich senkte schuldbewusst meinen Blick. Das ging ja gehörig daneben. Da bin ich wohl falsch abgebogen.

Schlussendlich löste sich alles in Wohlgefallen auf. Die Tafel wies nur auf eine Ortschaft namens Montblanc hin und nach einer weiteren Stunde Autofahrt bogen wir schon auf Jean Pauls Campingplatz in La Palud ein.

Erleichtert lobte ich meine geniale Abkürzung und erklärte Christian, dass wir auf allen anderen Strecken jetzt bestenfalls gerade durch Castellane rumpeln würden.

Wenn es um das Auffinden von Felsen geht, bin ich noch stärker. Die rieche ich geradezu. Ich habe sogar „Action directe" in der Fränkischen mit einem Kletterführer von 1987 angefunden. (Vom Waldkopf war in dem Führer damals logischerweise noch kein Wort zu lesen).

Die Jungen heutzutage fahren ja keinen Meter mehr mit dem Auto ohne ihr Navi anzuwerfen. In Kletterführern blättern sie recht verloren herum und wenn es die Apps mit den Koordinaten der Einstiegsgriffe nicht gäbe, hätten viele Boulder oder Kletterrouten noch gar keine Wiederholung. Nicht weil sie so schwer sind, sondern weil sie schlichtweg gar nicht mehr angefunden werden würden. Der schlimmste Feind sind nicht mehr Kälte und Nässe, sondern Funklöcher und wenn die Signalstärke nur mehr 2 Striche aufweist, ist es besser umzudrehen als in Teufels Küche zu geraten.

Kürzlich habe ich sogar von einem Boulderer gehört, der zwei Tage und Nächte unter einem Felsblock ausharrte bis er endlich, völlig entkräftet, von der Bergrettung geborgen wurde. Seinem Handy sei unvermutet der Saft ausgegangen, erzählte er. Er habe gar nicht erst versucht den Rückweg ohne Navi anzutreten. Wie soll denn das gehen?

Und erst vor wenigen Tagen versuchte ich einem der Young Guns den Zugang zum Superblock zu erklären.

„Also du gehst jetzt Richtung Klamm", sagte ich zu ihm.

„An der Arena vorbei und nach der dritten Brücke biegst du rechts ab. Nach der Brücke, hörst du? Auf keinen Fall vor der Brücke. Wenn du hier nämlich links abbiegst, kommst du zum verbotenen Weg. Dann bist du ganz falsch. Also nach der Brücke rechts. Nicht sofort, sondern nach fünfzig Metern. Dort wo der Weg nach links geht. Da darfst du keinesfalls geradeaus weitergehen. Also gleich nach der Quelle rechts. Aber erst die zweite Abzweigung. Die Erste ist falsch. Da kommst du ganz woanders hin. Dann den Hohlweg hoch und wenn du auf die Forststraße triffst, halblinks gerade drüber. Noch ein paar Schritte und du stehst vor dem Block!"

Der Junge sah mich kopfschüttelnd an, kramte in seiner Tasche und zog sein Handy heraus.

„Weißt du was?" sagte er zu mir.

„Gib mir einfach die Koordinaten…" 

Machacek, Kapitel 2 – Der Berglandkrimi geht weite...
Sommerpause
 

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