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onsight

Arena1004-206 Hias Leitner, Arena 2004, Photo Credit: Horst Jobstraibitzer

Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht an den Hias denke. Dabei sind wir gar nicht sooo viel zusammen geklettert. Aber von unserer ersten gemeinsamen Klettertour an, das war 1980, bis zu seinem Tod vor einigen Jahren, (er ist beim Paragleiten in Slowenien tödlich verunglückt), waren wir immer wieder gemeinsam am Fels. Wir haben einander sehr wertgeschätzt. Jeder wusste, was er am anderen hat. Ich habe jeden Klettertag mit ihm sehr genossen und in wunderbarer Erinnerung.

Mit Hias habe ich soeben den schweißtreibenden Zustieg in der mittäglichen Gluthitze aus dem Höllental hinter mich gebracht. Gottseidank! Ich werfe meinen Rucksack auf den Boden, setze mich drauf und schaue mir an wo wir gelandet sind. Hias hat nicht zuviel versprochen. Der Sektor Atlantis sieht super aus. Herrlicher, weißer Tropflochfels und das Ganze liegt auch noch im Schatten.

Die 6c+ hier kannst du onsighten sagt der Hias und zeigt auf eine geniale Linie. Zuerst gibt's eine leichte Verschneidung und dann geht's links raus in die pralle Mauer. Das soll nicht schwerer als 6c+ sein? Kaum vorstellbar. Aber ich vertraue Hias in dieser Hinsicht blindlings. Da weiß er wovon er spricht.

Zuerst aber wärmen wir einmal auf. Gleich rechts neben der ominösen 6c+ führen lange, leichtere Linien nach oben. Die ersten Routen gelingen noch ohne größere Anstrengungen aber bald sehe ich mich in einem Überhang wieder, der meinen Bewegungsfluss arg ins Stocken bringt. Kurz bevor ich abtropfe, befreit mich mein Freund aus der misslichen Lage.

„Nimm das Loch mit links!" schreit er nach oben.

„Untergriff mit rechts. Ganz auf der rechten Seite ist er gut"

„Siehst du den Würfel über dir?"

Ich spähe keuchend nach oben. „Ja!"

„Das ist ein Henkel!"

Ich hechte hinauf. Der Würfel ist wirklich ein Henkel. Puuh das war aber knapper als geplant. Besten Dank Hias!

Nach einer Pause, Hias checkt eine 7c aus, fühle ich mich ausgeruht genug für den onsight Versuch in meiner 6c+.

Konzentriert seile ich mich an. Partnercheck. Hias verfolgt jede meiner Bewegungen mit Argusaugen. Der Anseilknoten passt. Alle Schlingen sind am Gurt. Von ihm aus kann es losgehen. Von mir aus auch. Gerade als ich den ersten Griff berühre höre ich seine Stimme.

„Schau Horst – dort beim 3. Bolt…"

Ich unterbreche ihn.

„Hias! Bitte! Ich will onsighten"

„Achja – bin schon still"

Hias konzentriert sich wieder auf das Sichern.

Bis zum 3. Bolt komme ich gut voran. Dann aber wird es undurchsichtig. Es sind zwar einige eingechalkte Leisten da. Auch einige Löcher. Aber nichts davon ist wirklich gut. Nur weit links drüben sehe ich eine gute Leiste. Eine Weile versuche ich unentschlossen eine Lösung zu finden bis ich mich, unter Zeitdruck gekommen, für eine brachiale Methode entscheide. Mann ist das schwer! Das fühlt sich ja sowas von falsch an. Die Schuhe rutschen. Die Finger auch. Und im Augenblick höchster Not höre ich die Stimme meines Partners von unten.

„Unterkreuzen!!!"

Reflexartig führt mein Körper den Befehl aus. Meine Rechte erwischt die Leiste. Ich bin gerettet.

In diesem Augenblick aber wird mir auch die Tragweite des soeben Geschehenen bewusst.

„Maaaaaah Hias! Jetzt ists kein onsight mehr!"

„Wenn du so einen Blödsinn zusammenkletterst kann ich auch nix dafür" verteidigt er sich. Und: „Sei froh! Ohne mich wär das jetzt nicht einmal ein Flash geworden".

Und dafür, dass es wenigstens ein Flash wird, sorgt er ab jetzt höchstpersönlich. Für jeden Zug, für jede Bewegung gibt es nun eine Anweisung. Hias manövriert mich über die Platte und den abschließenden Überhang. Relativ relaxed klippe ich den Umlenkkarabiner. Das war jetzt echt nicht mehr als 6c+. Immerhin wurde es noch ein Flash. Aber die Punkte in der 8a. nu Weltrangliste werden mir abgehen. Der Abstand zu Hias wird wieder größer. Verdammt!

Als ich wieder sicheren Boden erreiche, ist mir auch sonnenklar warum Alex Huber den Zeitgeist nicht geonsightet hat. Hias hat ihn gesichert! Ohne Oropax in den Ohren war da bestenfalls noch ein Flash möglich. Und den hat Alex auch bravourös über die Bühne gebracht.

Es wird ein herrlicher Klettertag im Schatten der Atlantiswand. Hias macht Fortschritte in seinem Projekt und ich klettere einige leichtere Routen ganz in der Nähe.

Für die letzte Tour des Tages empfiehlt er mir eine tolle 7a.

„Die kannst du onsighten" sagt er.

„Die ist nicht so schwer"

„Du musst nur…" und dabei zeigt er mit dem Finger nach oben.

„Siehst du das Loch dort?..."

Eine Prise Glück...
"Comeback"
 

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