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Tausendmal berührt...

14826196_1013445485449290_1456550789_n Taugenichts; photo credit: Hannes Raudner

Jeder von uns kennt das. Jeder von uns hat eine Route, die er immer und immer wieder klettert und die ein Gradmesser ist für seine aktuelle Fitness. Schwebt man leicht wie eine Feder den Felsen hinauf oder schwitzt und flucht man und kann sich mit Ach und Krach gerade noch irgendwie festhalten ohne runterzufliegen? Oder man erlebt überhaupt den Supergau und kommt gar nicht hinauf ohne im Seil zu hängen? 

Dann allerdings geht`s an die Ursachenforschung. Ist die ungezügelte Völlerei in den vergangenen Wochen daran schuld? Oder der Stress im beruflichen und privaten Bereich? Vielleicht sind es auch nur die Verhältnisse. Es ist schwül, es feuchtelt und es schmiert wie der Teufel. Manchmal ist man auch ganz einfach nur zuwenig geklettert in letzter Zeit. Dann allerdings gibt es Handlungsbedarf und man ist erst wieder glücklich wenn man den "flow" spürt. Wenn man völlig entspannt auf den Tritten steht. Wenn die Bewegungen elegant und stimmig sind und wenn man die Kette clippt ohne dicke Arme zu haben und ohne, dass die Schweißtropfen der Angst auf der Stirn stehen.

Auch ich habe so ein Testpiece. Meines ist die Route "Aus dem Leben eines Taugenichts" (8) in der vorderen Arena bei Mixnitz. Im Herzen des Grazer Berglandes.

Die Tour ist kurz und knackig und vor allem seeehr geschichtsträchtig, war sie doch die erste Sportkletterroute (1983) in der Arena. Kaum von Robert Kerneza eingebohrt, stand ich schon mit meinem Kumpel Rainer W. unter der Wand. Anfänglich waren wir gar nicht begeistert. Irgendwie sah das Ganze ziemlich mickrig aus. Wir waren damals hauptsächlich in alpinem Gefilde unterwegs und wenn man die Wände von Haindlkar und Fölzalm gewohnt ist, gibt die Tour optisch nicht wirklich was her. Ausserdem gab es ja jede Menge Griffe, wie man schon vom Boden aus sehen konnte. Es schien ziemlich billig zu sein für 7+.

Eine Stunde später war von billig keine Rede mehr. Mit Müh und Not erreichten wir den Rastpunkt in der Mitte der Tour und zum nächsten Haken trauten wir uns gar nicht mehr hoch. Die guten Griffe entpuppten sich als optische Täuschung und zudem waren sie alle verkehrtherum angeordnet und hauptsächlich als Untergriffe zu halten. 

Rückzug unter Fanfarenstößen! 

Zum Glück erspähten wir links davon eine Rampe, über die man augenscheinlich zur Umlenkung gelangen konnte. Diese bestand aus einer gefädelten Sanduhr etwa 3 Meter oberhalb der jetzigen Kette. Rainer siedelte also die Rampe ohne jegliche Sicherung hinauf, querte an wasserüberronnenen und dreckigen Tritten nach rechts und musste schließlich noch ein paarmal kräftig anziehen bis er die Sanduhrschlinge zu fassen kriegte. Aus heutiger Sicht war es ein absolut verantwortungsloser Auftritt aber damals fiel uns bei solchen Aktionen nicht wirklich viel auf.

Jedenfalls rückten wir dem "Taugenichts" vorsichtshalber im Toprope zu Leibe und nach ein paar Versuchen schafften wir es tatsächlich, die Route mit Seilsicherung von oben zu durchsteigen.

Meinen ersten Vorstiegsversuch wagte ich erst im Frühling des darauffolgenden Jahres. Tags zuvor war ich meinen ersten Achter geklettert (die Nordrissverschneidung am Ratengrat) und ich war höchst motiviert und voller Selbstvertrauen. Hias L. hatte die Tour gnadenhalber auf 7+/8- aufgewertet und bereits mein erster Start im Vorstieg führte glücklicherweise zum Erfolg.

Seitdem bin ich den "Taugenichts" hunderte Male geklettert und in den vergangenen fünfunddreissig Jahren bin ich ganze zwei Mal runtergefallen. (Bedenklicherweise beide Male im letzten Sommer :) ). 

Die Tour finde ich immer noch sauschwer und auch wenn es für die Zuseher oft aussieht wie ein Spaziergang, muss ich mich  jedes Mal voll konzentrieren. Mittlerweile mit 8 (7a) bewertet, fordert mich dieses zwölf Meter hohe Wandl psychisch und physisch immer wieder total. Es gibt einige Stellen mit Groundfallpotential und ich bin stets heilfroh wenn ich das Seil in den zweiten Haken klinken kann. Bei jeder Bewegung horche ich in mich hinein. Wie fühlt es sich an? Wie halte ich die Griffe? Treffe ich die Tritte genau so wie ich es mir vorstelle? 

Es gibt jede Menge Erinnerungen die mich mit dem Taugenichts verbinden. An schier mühelose Begehungen mit Espandrillos oder an epische Fights als letzte Tour an einem langen Arenatag, wenn die Kraft längst schon verbraucht war und man nur noch raufkam weil man die Tour in und auswendig kannte.

Eine Begebenheit ist mir ganz besonders gut in Erinnerung. Es muss so um 1986 gewesen sein, als ich nach Mixnitz radelte, mit dem Ziel "Juppis Traum" (7c) auszubouldern. In meinem Windschatten düste ein dreizehnjähriges Bürschchen namens Bernhard L. nach. Auch er hatte sich einen Plan für den bevorstehenden Klettertag zurechtgelegt. Und den offenbarte er mir, kaum dass wir unter der Wand unsere Rücksäcke auspackten. Er werde den "Taugenichts" in Angriff nehmen, erklärte er mir während er mich durch seine, schief auf der Nase sitzenden Brille, ansah.

"Hast du ein Seil mit?" 

"Ja."

"Gut. Ich häng dir das Toprope ein."

"Wieso?"

"Wie willst du den sonst dort hochklettern?"

"Ähm. Im Vorstieg?"

Erst jetzt wurde mir klar, was dieser kaum 1,50 m große Dreikäsehoch vorhatte. Mir war nicht wohl bei der Vorstellung, ihn dort als Vorsteiger zu sichern. Wenn da was schiefginge! Nicht auszudenken! Ich war der deutlich Ältere von uns beiden und fühlte mich in der Verantwortung ihn heil wieder nach Hause zu bringen. Immerhin stimmte er zu, dass ich ihm vorab eine lange Schlinge in der Schlüsselstelle einhängen könnte. Mit seiner Körpergröße erreichte er kaum einen Griff ohne komplizierte und kraftraubenden Zwischenzüge zu machen. Auch das clippen der Haken gelang ihm nur aus unangenehm schwierigen Positionen heraus. Da wäre diese Schlinge doch ein wesentlicher Faktor zur Erhöhung der Sicherheit.

Bernhard´s Talent war klar erkennbar, als er die ersten Züge machte. Immer wieder musste er jedoch Griffe verwenden, die ich zum Glück nicht benötigte und als er die Schlüsselstelle erreichte, war er schon reichlich schlapp. Er klinkte das Seil in die verlängerte Schlinge, schüttelte kurz die Arme aus und kletterte weiter. Bernhard erreichte den Haken und machte keinerlei Anstalten ihn kurzzuhängen.

"Ähm Bernhard - häng den Bolt kurz"

"Wie?"

"Was?"

"Du sollst den Bolt kurzhängen!"

"Kurzhängen????" schallte es fragend von oben herab.

"Ja!"

"Sag, hab ich dir das nicht erklärt?"

"Nein!"

Verdammt! 

In aller Eile versuchte ich ihm zu beschreiben was er tun solle.

"Wie?"

"Was?"

Bernhard war leicht überfordert und nestelte ratlos am Karabiner herum. Schließlich hängte er die Schlinge mitsamt Seil aus und ließ sie fallen.

Mir stellte es die Haare beim bloßen Zusehen auf. Wenn er jetzt loslässt liegt er am Boden! Panikartig spähte ich nach einer geeigneten Laufstrecke, die ich den Abhang hinunterglühen wollte, um im Falle eines Sturzes noch möglichst viel Seil einholen zu können.

Gleichzeitig versuchte ich ihm ruhig zuzureden, dass er jetzt nur die Notfallschlinge (die ich ihm vorsichtshalber mitgab) von seinem Gurt nehmen müsste um dort das Seil einzuhängen.

"Ach, das meinst du mit kurzhängen" murmelte Bernhard,  während er seelenruhig meinen Anweisungen folgte.

Als ich es klicken hörte fiel mir ein Stein von Herzen.

Bernhard stieg ohne weitere Aufregung die Route durch. 

Vor nicht allzu langer Zeit sollte ich am "Taugenichts" wieder einmal meine Form überprüfen. Mein Kumpel HP erwartete von mir, dass ich ihm ein Troprope einhänge. Er wollte einmal einen Blick in die Route werfen und für mich wäre es wohl kein Problem die Tour vorzusteigen. Schließlich hätte ich das ja schon oft genug gemacht.

Wie immer bin ich nervös als ich einsteige. Gleich auf den ersten Metern baue ich Mist und steige einen Tritt zu hoch an. Wie kann denn sowas nur passieren???

Als ich den zweiten Haken klinke. fällt ein großer Teil meiner Anspannung ab. Jetzt bin ich save. 

Auf zum Rastpunkt. Arme ausschütteln, Atem beruhigen. 

Rasch ist der Bolt an der Schlüsselstelle geklinkt. Läuft ja gar nicht so schlecht. Konzentriert quere ich nach rechts und verklemme die Finger meiner linken Hand an einem schmerzhaften Zwicker. Das Dreifingerloch mit Rechts hat sich auch schon mal besser angefühlt. Diesmal kriege ich es, trotz nachsortieren, nicht wirklich gut. 

Ojemine! Mir schwant Böses.

Alles hängt nun vom nächsten Zug ab.

Wenn ich die Zweifingerdelle für die Linke schlecht kriege, dann wird es wirklich knapp. Dann gnade mir Gott.

Mit voller Konzentration schmiegen sich meine Fingerkuppen besagte Vertiefung. 

Perfekt erwischt! 

Jetzt erwacht mein Killerinstinkt und ich schraube zu. Alle Anspannung fällt ab. Jetzt kann nichts mehr schiefgehen! 

Kurz darauf erreiche ich total happy die Kette. Alles ist gut gegangen.

"Na, das hat ja sowas von locker ausgesehen" meint HP beeindruckt, als ich wieder neben ihm stehe. 

"Ist aber auch kein Wunder. Die Griffe hast du ja schon tausendmal berührt."




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Schock: Erst Baum, dann Felsbrocken im Anmarsch.
 

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