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Denali, im Winter auf den höchsten Kogel in Amerika.

Denali / Mount McKinley View at Denali / Mount McKinley (c) Image Rights by Wikipedia, Edibobb

Winterbesteigung des kältesten Berges der Welt

Luftaufnahme

Lehne dich zurück, schließe deine Augen und stell dir vor du wärst in Alaska. Der endlose Alaska Highway schlängelt sich hügelauf und hügelab dahin, seitlich von dir siehst du endlose Wälder dieser extra schmalen Nordlandfichten. Unterbrochen nur ab und zu von einem See. Einem zugefrorenen See, denn es ist ende Jänner und eisig kalt. Das Thermometer zeigt Minus 40 Grad Kälte, und das hier kurz außerhalb Anchorages auf nur ca. hundert Metern Seehöhe. Die Tage sind extrem kurz um diese Jahreszeit hier heroben am 63. Breitengrad, eigentlich ist es nur rund 1/3 des Tages hell.

Nun stell dir vor, du bist nicht mehr etwas außerhalb von Anchorage, sondern rund 200 km weiter nördlich in 6000 m Höhe. Du befindest dich im Abstieg vom Gipfel des höchsten Berges von Nordamerika; vor etwa einer halben Stunde hast du noch bei herrlichem wolkenlosen Wetter – 57 Grad Celsius am Gipfel gemessen, und nun um 3 Uhr Nachmittags beginnt es wieder zu dämmern. Wind setzt ein, der sich innerhalb kürzester Zeit zum Orkan steigert. Unten am Denalipass jagen Nebelschwaden um die vereinzelten Felszacken und langsam aber sicher macht sich auch die Ermüdung in deinen Beinen breit. Als du den Denalipass auf knapp 6000 m erreichst, ist es bereits stockdunkel, und man sieht wirklich nicht einmal mehr die sprichwörtliche Hand vor dem Gesicht. Langsam, Schritt für Schritt, tastest du dich die lange Querung zum Highcamp auf 5300 m hinunter, du zwingst dich zur völligen Konzentration. Du weißt, dass es an dieser Stelle jedes Jahr viele Unfälle mit Bergsteigern gibt, die diese steile und unangenehme Querung im Abstieg unterschätzen, oder einfach von der Müdigkeit in ihren Beinen überrascht werden.


Nach einer weiteren Stunde ist das Inferno perfekt. Der Sturm steigert sich endgültig zum Orkan, die Sicht bei dem dichten Nebel und in der Dunkelheit ist gleich null, und du weißt beim besten Willen nicht mehr, wo genau du dich befindest. Das Einzige, was du sicher weißt, ist die Tatsache, dass du praktisch tot bist, wenn du nicht innerhalb der nächsten Stunde die rettende Schneehöhle mit den Schlafsäcken und dem Kocher findest.

Der Orkan ist so stark, dass es dich mit deinen Freunden immer wieder „aushebt" und ihr dann einige Meter weiter am Boden landet. Nach scheinbar endlosen Stunden des Umherirrens im Sturm hast du eine Idee. Nur durch gegenseitiges ins Ohr brüllen kannst du dich mit deinen Freunden verständigen. „Wir müssen gegen den Sturm gehen, wir sind sicher mit dem Wind falsch gegangen", rufst du. Gesagt getan, aber leider ist das gegen den Wind Gehen nicht so einfach. Bereits nach wenigen Schritten vereisen die Augen. Du hast die Brille schon vor Stunden abgelegt. In der Dunkelheit dieser winterlichen arktischen Dämmerung hast du einfach zu wenig gesehen, außerdem waren die Brillen sowieso innerhalb kürzester Zeit völlig vereist und unbrauchbar, genauso wie die Stirnlampen, deren Batterien bald den Geist aufgaben. Nach zwei drei Schritten gegen den Wind legt sich der Wind gepeitschte Schnee sofort an den Eiskrusten der Augenbrauen an, und innerhalb weniger Minuten bildet sich ein Eisdeckel über die Wimpern und die gesamten Augen. Es hilft alles nichts, du musst dich umdrehen, Hände aus den dicken unförmigen Handschuhen und die Eiskruste von den Augen kratzen, ab und zu geht auch der eine oder andere Hautfetzen mit. Danach steht mühsames auftauen der Hände am Programm, wie das weh tut! Langsam aber sicher realisierst du, dass du mit deinen Freunden wirklich in der Scheiße sitzt, eigentlich lebendig tief gefroren, oder doch schon tief gefroren und noch ein bisschen lebendig?

Du fragst dich ernsthaft wie das jetzt weitergeht, was passiert wenn einer von deinen zwei Freunden nicht mehr weiter kann, oder du endgültig fertig bist. Ein Biwak? Bei – 57 Grad Celsius, ohne Schlafsack und Kocher? – Das wäre sicher das endgültige Ende. Also weiter.

Du denkst an zu Hause, deine Freundin, deine Angehörigen, du verfluchst dich selbst ob der genialen Schnapsidee, den kältesten Berg der Erde im Winter zu besteigen. Schließlich betest du um wieder heil aus diesem Chaos zu entkommen. Irgendwie gelingt es dir zunehmend mehr stolpernd als gehend, mit deinen Freunden weiter zu suchen. Wo ist nur diese verdammte Schneehöhle? Plötzlich erkennst du in einigen hundert Metern Entfernung einen Felsbrocken von der Größe eines Boulder Blocks.

Wo sind wir hier? Am Plateau des High Camps gibt es keine Felsblöcke, schreist du deinem Freund ins Ohr. Egal, wir gehen zu dem Block und im Windschatten „hauen wir uns hin". Je näher du dem Felsblock kommst umso mehr zweifelst du, der Block bewegt sich ja. Du glaubst schon völlig verrückt geworden zu sein, langsam stolperst du mit deinen Freunden näher. Immer mehr wird es zur Gewissheit, der „Block" bewegt sich rasant im Sturm, verändert seine Größe, bleibt aber an Ort und Stelle. „Ein Zelt", ruft einer deiner Freunde. Als ihr direkt davor steht, wirft dich eine Windböe mitsamt einen deiner Freunde mitten auf das Zelt drauf. Mühsam rappelt ihr euch hoch, immer darauf bedacht, mit den Steigeisenzacken das Zelt nicht zu beschädigen. Mühsam öffnet ihr in dieser Wahnsinnskälte den Reißverschluss. Überrascht stellt ihr fest, dass drei Japaner im Zelt liegen. „Summit?", „Summit success?", fragen sie. „Yes, yes, but where is our snow cave?"

Gleich neben dem Zelt der Japaner beginnt das Gelände an zu steigen und dort drüben müsste die so lang gesuchte Schneehöhle sein. Plötzlich gibt der Boden unter dir nach, du fällst auf die Knie. Erleichtert aber doch verärgert stellst du fest, dass du in die Schneehöhle eingebrochen bist. Anstatt dich hinein legen zu können, stehen erst mal Reparaturarbeiten am Programm. Einer der Freunde beginnt zu kochen, während du mit dem anderen am Eingang der Höhle arbeitest. Du bist so müde, völlig fertig, die Füße lahm, der ganze Körper einfach absolut durchgearbeitet, monoton zwingst du dich dazu mit einigen unförmigen Schneebrocken die Höhle notdürftig zu reparieren. Endlich kannst du auch hinein. Das einzige, was du ausziehst sind deine Steigeisen. so wie du bist kriechst du in deine Schlafsäcke. Die Schneehöhle ist extrem klein für drei Personen, nur rund einen Meter hoch und ihr liegt praktisch in Körperkontakt. Langsam wird es in den Schlafsäcken wärmer, auch der Kocher leistet seinen Beitrag zur „Erwärmung" der Schneehöhle. Du bist extrem dankbar, dass dein Freund Heli die Kocherei übernommen hat, denn du bist so müde. Langsam realisierst du, dass du überlebt hast. Das Thermometer zeigt in der Schneehöhle minus 27 Grad C. Durch die große Kälte sublimiert die Luftfeuchtigkeit eurer Körper und die Atemluft an der Decke, bald hängen rund 20 cm lang Eisfäden von der Decke herab, die Schlafsäcke werden feucht, aber bleiben wenigstens warm. Draußen tobt der Sturm mit unverminderter Stärke.

Die ganze Nacht, den folgenden Tag und noch eine Nacht ist an ein verlassen der Schneehöhle nicht zu denken. Diese kleine, eiskalte Höhle, fast so klein wie das Gefrierfach eines Kühlschrankes, ist für dich und deine Freunde zu einem kleinen Paradies geworden. Windgeschützt und in den Schlafsäcken herrliche warm. Am zweiten Morgen wecken dich plötzlich Schritte über der Schneehöhle, genau über deinen Kopf kannst du das quitschende knarrende Geräusch von Schuhen in eiskaltem Schnee vernehmen. „He, der Wind ist weg", kommt eine Bemerkung eines deiner Freunde. Viel habt ihr nicht geredet in diesen zwei Nächten und einem Tag, jeder ist eigentlich seinen Gedanken nachgehangen. Aber nun kommt leben in euch drei. So rasch hat sicher noch nie irgendjemand das nötigste in den Rucksack geworfen. So schnell es geht steigst du mit deinen Freunden die kleine Gegensteigung zum Westbuttress hinauf. Gut ist die Sicht nicht gerade, aber man merkt das „Fenster" im Sturm doch deutlich. Langsam, auf Sicherheit bedacht steigst du zwischen den Felstürmen hinunter, und du erreichst nach einigen Stunden mit deinen Freunden die Fixseile in der Firnflanke. Der Sturm wird wieder stärker aber es ist kein Problem das Schidepot zu erreichen. Noch am selben Tag fährt ihr mit den Schiern bis auf ca. 3 300 m am Kahiltnapass ab.

Die Lawinensonde, die den Eingang zum Iglu markiert schaut gerade noch 20 cm aus dem Schnee heraus. Wieder ist erst mal Schneeschaufeln angesagt, bevor es in das super bequeme Iglu geht. Endlich kannst du dich bequem ausstrecken und nun steht ein Festmahl der Extraklasse am Programm. Alle drei Kocher summen, das Iglu ist wunderbar warm und bald duftet es nach herrlichem Essen.

Acht Tage dauert danach der Sturm, immer wieder ist es äußerst mühsam sich für das „Klogehen" in die dicken Daunenkleider zu zwängen. Als Abhilfebeschließt ihr ein klo direkt im Iglu einzubauen. Als das Klo dann fertig ist, wird auch das Wetter schön. Rasch ist die ganze Ausrüstung auf den Schlitten verpackt und in einigen Stunden wird – schon wieder in völliger Dunkelheit – das Basislager auf der Kahiltna south east fork erreicht.

Das Ende der Expedition wird dann noch dramatisch. Das Zelt geht im Sturm kaputt, das Essen geht aus und der Gletscherpilot kann scheinbar nicht kommen. Heli Steinmaßl beschließt zu Fuß, alleine den weiten Weg zur Petersonroad und zum Alaska highway hinaus zu gehen. Eine famose Leistung.

Nach einer Woche landet der legendäre Gletscherpilot Doug Geeting, kann allerdings nur Heli Mittermayer und den Japaner Shunzo Sato mitnehmen. Nachdem mir von einem kleinen Flugzeug Essen abgeworfen wurde, warte ich alleine auf besseres Flugwetter.

Genau am 14. Tag meiner Warterei kommt Doug Geeting wieder. Mittlerweile war ein riesiger Presserummel in Talkeetna ausgebrochen. Die drei Japaner vom high camp haben ihren Mount McKinley trip leider nicht überlebt. Zwei Monate später wurden ihre Körper unterhalb des Denali passes gefunden und geborgen. 

Gipfelbild Denali Winter, (c) Walter Laserer
Denali Winter 89, (c) Walter Laserer
(c) Walter Laserer
(c) Walter Laserer

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