Klettern im Salzkammergut, Neues im Gosauzwang

20190424_151433 Neues im Gosauzwang; (c) Laserer

Im „7. Himmel"

Eine ganze Weile schon, genau genommen schon eine ganz schön lange Weile, schaute ich wie gebannt auf die kleine Spinne. Sie schien glücklich und emsig bedacht ihr Netz zu verbessern. Fasziniert beobachtete ich die, einer genauen Regie folgenden, Bewegungen ihrer acht Beine. Mit den hinteren Beinen zog sie scheinbar den seidenen Faden an dem sie hing, aus ihrem Körper, mit den vorderen strich sie unzählige Male die Struktur glatt während sie sich mit den restlichen Beinen an irgendwelchen Winzigkeiten, die mir verborgen lagen, festhielt. Da hatte ich mit meinen nur zwei Beinen schon Probleme mich entsprechend elegant im Fels zu bewegen. Besonders hier an dieser wirklich ausgesetzten Stelle, hoch oben in einer senkrecht bis überhängenden Felswand meiner Heimat.


Die Felsqualität hier war von einer nicht erwarteten Güte und so war ich top motiviert, eigentlich übermotiviert, als mir Jürgen aufgrund seiner Verpflichtung bei der Arbeit schweren Herzens absagen musste. So war ich alleine aufgebrochen, alleine mit Seil, GriGri und Express Schlingen. Gesicherter Solo Vorstieg wird diese komplizierte Sicherungstechnik genannt, und tatsächlich benötigt es schon mehr als ein Quentchen Erfahrung, um dieses Wirrwarr aus Seil, verkehrt eingeklinktem GriGri und „backup Seilschlingen" immer perfekt zu bedienen.

Und nun hing ich hier, am letzten Haken unseres letzten Versuches und beobachtete das emsige kleine Tierchen. Dabei, so klein war sie gar nicht. Eigentlich eine ausgewachsene, sicher um die zwei, drei Zentimeter große Kreuzspinne. Deutlich konnte ich das aus winzigen, weissen Balken bestehende Kreuz auf ihrem braun gemusterten Hinterleib entdecken. Mein Unterbewusstsein konnte sich nicht so recht entscheiden, vor was ich mehr Angst haben sollte: dem drohenden Abgrund oder einem sicherlich schmerzhaften Biss dieses kleinen Monsters! Weder verspürte ich große Lust, durch ein riskantes Manöver weg zu rutschen und in meine komplizierte Sicherung zu fliegen, noch größer war mein Unbehagen jedoch, in Reichweite dieses winzigen, und doch so riesigen Monsters, vorbei zu klettern.

Es half alles Warten nichts. Die Spinne schien ihre Tätigkeit munter fort zu setzen, und langsam aber sicher meldeten sich meine Beine. Lange konnte ich in dieser Stellung nicht mehr warten. Eine Lösung des Problems musste her – oder ich musste zurück. Ich bewegte mich im gleissenden Sonnenlicht etwas hin und her. Tatsächlich konnte ich den Hauptfaden des Netzes der kleinen Künstlerin entdecken. Mit einem Grashalm gelang es mir diesen zu durchtrennen. Flugs klappte das seidige Kunstwerk in der leichten Mittagsbrise an die kahle Felswand und mit ihm die Ursache meines Problems. Ich beobachtete die Spinne weiter. Sie kuschelte sich geschockt in eine für sie passende Felsnische, zog alle verfügbaren Beinchen ein und stellte sich Tot.

„Jetzt oder nie" schoss es mir durch den Kopf. Rasch gab ich mir zwei Meter Seil um die Spinne zu passieren und den guten Griff zu erreichen, von dem ich den nächsten Haken bohren konnte. Konzentriert kletterte ich los, fixierte den rettenden Griff vor mir. Während ich loskletterte ertappte ich mich dabei, aus den Augenwinkeln noch einen letzten Blick auf die kleine Künstlerin zu werfen. Irgendwie kam ich mir unwürdig vor, unwürdig die Kreise dieses kleinen, großen Wunders der Natur zu stören….. 

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