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3 Minuten Lesezeit (613 Wörter)

Auge an Großhirn

DSC02523 Dornröschenwand (Hochschwab), (C) Stefan Edlinger

Den gestrigen, wunderschönen Herbsttag durfte ich mit Freunden im Hochschwab verbringen. An einem selten besuchten Felsen unterhalb der Zinken Südwand. Die Routen dort sind technisch anspruchsvoll. Manchmal fehlen Griffe und Tritte völlig und nur der geringen Steilheit ist es zu verdanken, dass man sich mit eleganter Reibungskletterei nach oben bewegen kann.

Ich hatte bereits die erste Hälfte einer Route hinter mir und musterte, auf einem winzigen Tritt stehend, den völlig strukturlosen Wandteil über meinem Kopf, als ich eine leise Stimme vernahm.

Auge an Großhirn – „Das sieht ja voll glatt aus. Ich hab echt keine Ahnung wie es weitergehen soll."

Die Antwort kam postwendend.

Großhirn an Fuß – „Du musst auf Reibung antreten."

Fuß an Großhirn – „Wo denn? Ich seh nix."

Großhirn an Auge (schulmeisternd) – „Los sags ihm."

Auge an Großhirn – „Ich seh auch nix. Gar nix."

Großhirn an Auge (ungehalten) – „Weil Herr Auge ja Ray Ban Brillen tragen muss vor lauter lässig! Ist ja logisch, dass er damit nix sieht. Los Hand! Klapp ihm die Brille hoch damit unser feiner Herr Auge die Reibungstritte findet!"

Hand an Großhirn (protestierend) – Ich hab grad nix frei. Habt ihr euch eigentlich schon mal Gedanken gemacht warum wir nicht schon längst runtergeflogen sind? Weil ich mich an dieser Winzleiste festkralle wie ein Trottel! Aber damit ist`s jetzt gleich mal vorbei. Ich kann uns nimmer lange halten. Du musst hochsteigen Fuß! Und anpressen! Was das Zeugs hält!"

Fuß an alle –„Wenn ich jetzt anpresse dann fliegt uns der Hosenboden weg!"

Da meldet sich die Nase (erschrocken) – „Bloß nicht! Verschone uns damit."

Großhirn an Kleinhirn – „Also das ist mir jetzt wirklich zu blöd. Kleinhirn übernimm du. Bewegung und Koordination ist schließlich dein Ressort."

Kleinhirn an Auge (im Befehlston) – „Auge! Nun sag schon wo ein Tritt ist."

Auge (aufmüpfig) – „ Ich seh nix. Hab ich doch schon gesagt. Schau doch selbst wo ein Tritt ist".

Kleinhirn an Auge- „Haha, sehr witzig."

Hand an alle (vor Anstrengung zitternd) - „Leute unternehmt was. Meine Finger gehen gleich auf."

Fuß an Hand – „Wie haben wir das denn bloß früher gemacht? Haben wir uns immer schon so dämlich angestellt?"

Hand (ächzend) – „ Sicher nicht! Früher bist du getänzelt wie ein Lipizzaner in der Hofreitschule. Aber das geht anscheinend ja nimmer."

Fuß – „Ja aber nur weil Auge.."

Auge (unterbricht ) – „Was? Jetzt bin ich auf einmal an allem schuld? Das ist Altersfehlsichtigkeit! Dafür kann ich nix!"

Auge an alle (wütend) – „Leute jetzt reicht`s mir. Wir machen das wie vor dreißig Jahren! Damals sind wir auch ohne Hirn geklettert."

Unter Ächzen und Stöhnen machen sich alle gemeinsam ans Werk und drücken und stemmen und schieben und pressen und bewegen sich doch tatsächlich Zug um Zug nach oben bis die triumphierende Stimme des Auges zu hören ist.

„Ich sehe was, was ihr nicht seht!"

Plötzlich ist auch das Großhirn, das sich die ganze Zeit über auffällig ruhig verhalten hat, wieder im Geschehen mit dabei.

Großhirn an Auge (versöhnlich) – „Was siehst du denn Auge?"

Auge an Großhirn – „Die Kette, die Kette!"

Nun sind alle in hellster Aufregung.

Großhirn an Hand (hektisch) - „Klinken, klinken, klinken!"

Hand an Großhirn (panisch) – „Ich komm nicht ran! Ich komm nicht ran!"

Zu guter Letzt schaltet sich auch das Kleinhirn vom Ministerium für Bewegung und Koordination ein und brüllt „Attackeeeeee!"

Alle reißen sich zusammen. Die Füße gehen auf Reibung wie noch nie. Die linke Hand reißt einen grenzwertigen Dynamo an und die Rechte klippt das Seil in den Karabiner.

Alle jubeln – „Juchuuuuu".

„Ich hoffe, ihr habt jetzt kapiert welcher Muskel beim Klettern der Wichtigste ist." sagt das Großhirn mit stolzgeschwellter Brust.

Alle schweigen betreten, nur der kleine Zeh fragt mit quickender Stimme „Wer denn?"

Das Großhirn schaut den kleinen Zeh mit resignierender Miene an und sagt – „Nochmal. Damit es wirklich jeder versteht! Der wichtigste Muskel beim Klettern bin ich - das Gehirn…

Ort (Karte)

St. Ilgen 111, 8621 St. Ilgen, Österreich
Der Bärenschützkrimi, #3
Michael Füchsle - Dreizehn Jahre neues Leben
 

Kommentare 1

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Michael Gattol am Sonntag, 30. September 2018 09:09

genial Horst
Fürn nächster Ausflug sollt ma an Ausgleich zu die Platten suchen

0
genial Horst :D Fürn nächster Ausflug sollt ma an Ausgleich zu die Platten suchen :p

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