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Sasha DiGiulian - Falling, Again and Again.

(C) Sasha DiGiulian

Leute, denen ich begegne und die vom Klettern nicht viel wissen, fragen mich oft: "Bist du jemals ins Seil gefallen?" Für mich scheint es eine seltsame Frage zu sein. Ich falle jeden Tag, unzählige Male, oftmals an derselben Stelle.

Ich halte mich so lange an den Griffen fest, bis meine Hände bluten und meine Haut aufgerissen ist von vielen erfolglosen Versuchen. Ich quetsche meine Füße in viel zu kleine Kletterschuhe, nur um die Sensibilität und Kontrolle beim Setzen meiner Füße zu erhöhen. Ich versuche es immer wieder und kämpfe um meine kleine Chance und die Hoffnung, dass ich diesmal nicht fallen werde. Und wenn ich es irgendwann schaffe, dann fühle ich dieses unvergleichliche, überwältigende Gefühl der persönlichen Befriedigung.

Auf mancher meiner Reisen kommt dieser Moment nie.

Aber ist das wirklich so wichtig? Ist der erfolgreiche Durchstieg einer Route so viel bedeutsamer als die Versuche der vorhergehenden Tage, als ich fiel und fiel?

2016 habe ich mein Studium an der Columbia University abgeschlossen und dann begann mein erstes Jahr ohne Schulverpflichtung. Meinen Abschluss zu machen ist eine meiner wichtigsten Errungenschaften. Es macht mich sogar stolzer als der Gewinn der Weltmeisterschaften in Arco.

Als ich meine Schuluniform aber für immer auszog, fühlte ich mich erstmals ohne Ziel. Ich hatte keine klare Vorstellung, was als nächstes kommen sollte.

Der Beginn meines Lebens als Vollzeitkletterer war steinig. Gleich In den ersten Monaten meiner Freiheit habe ich mir eine schwere Rückenverletzung zugezogen und obwohl ich an vielen wundervollen Orten sein und klettern durfte, fühlte ich mich nicht richtig wohl.

Ich mag es, mit vielen verschiedenen Verpflichtungen beschäftigt zu sein – mit Veranstaltungen, Reisen für Sponsoren oder Arbeit für gemeinnützige Organisationen – für mich ist das oft ein richtiger Selbstschutz. Der Druck, eine einzige Sache perfekt machen zu müssen, fällt dadurch weg.

Damals, als ich auf der High School Prüfungen machen musste, hatte ich immer die perfekte Ausrede. Wenn ich beim Klettern an einer Route scheiterte, konnte ich es immer mit der Belastung in der Schule entschuldigen.

Dieses Unwohlsein in meinem Leben als Profikletterer hat mich veranlasst, intensiv darüber nachzudenken, was Klettern für mich bedeutet und welche Ziele in Zukunft für mich wichtig sein werden.

Ich fand darauf keine konkrete Antwort. Was ich aber herausgefunden habe ist, dass die Herausforderungen, die mich antreiben, für niemanden außer mir selbst von Bedeutung sein müssen. Ich bin auf der Suche nach dem Flow, der kommt, wenn ich alles aus mir heraushole und mein Bestes gebe. Das ist der Grund, warum ich mir immer wieder ganz persönliche Projekte suche – nicht weil ich damit Rekorde aufstellen möchte, sondern weil es nur mir selbst wichtig ist.

Oliana spielte bei diesen Überlegungen eine große Rolle. Ich wollte an diesem Felsen einfach nicht versagen und nachdem ich im August und September einem strikten Trainingsplan, den mir der Spanier Edu Marin erstellt hatte, gefolgt war, kehrte ich im Herbst zurück.

An meinem ersten Tag in der Route schaffte ich die Stelle an der ich während des ganzen Frühlings immer wieder gestürzt war. Meine Bewegungen fühlten sich schwerelos an und sogar die harten Schlüsselstellen im oberen Teil liefen mir gut rein.

Schließlich schaffte ich es am 31. Oktober, nach etwas mehr als einer Woche in der ich die Route versucht, die Sequenzen ausgecheckt und meine Beta-Version verfeinert habe, die Route sturzfrei durchsteigen. Als ich durch die zweite Schlüsselstelle kletterte,hatte ich sogar ein Lächeln im Gesicht weil ich spürte, dass es diesmal soweit sein würde. Ich kann nicht sagen, woher ich das wusste, schließlich hatte ich zu diesem Zeitpunkt immer noch fast dreißig Klettermeter vor mir, aber es fühlte sich alles so richtig an. So, wie ich es mir immer wünschte, bin ich in meinen Flow gekommen und habe alle Griffe genauso getroffen, wie ich es wollte.

Als ich mein Seil in die Kette klinkte, dachte ich, dass es alles nur ein Traum sein würde und erst als ich wieder den Boden berührte, wusste ich, dass es Wirklichkeit war. Ich war sehr stolz auf die Art und Weise wie ich geklettert war, wie ich mich immer wieder auf das Neue motivieren konnte und wie ich mir selbst bewiesen hatte, dass ich es draufhatte.

Ich klettere, weil es jener Bereich meines Lebens ist, in dem ich mich am wohlsten fühle.

Meine kleine Welt besteht manchmal nur aus der Frage, ob ich die nächste kleine Sinterzange halten kann oder ob es mir gelingen wird meinen Körper genau in die Position drehen, die er braucht, um die nachfolgende Bewegung hinzukriegen.

Es fühlt sich verdammt gut an, wenn ich etwas klettern kann, an dem ich hart gearbeitet habe. So gut, dass nach kurzem Genuss dieses flüchtigen Hochgefühls bereits das nächste Projekt Besitz von mir ergreift.

Und ich weiß, dass ich wieder stürzen werde, unzählige Male, oftmals an derselben Stelle… 


Sehr freie und gekürzte Übersetzung! 

Quelle:

So schaut´s aus
Xeis „Der Weg durch Hedis Kaiserschmarren“
 

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