SCHLUSS - AUS - STAND - SICHERUNG IN FELS UND EIS

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Wenn ein Kletterer stürzt, rührt sich was am Standplatz!
Sich anzuhängen, schützt vorm Herunterfallen!

(Thomas Richter-Trummer, ursprünglich 2010, überarbeitet 2021)


Klettern boomt nach wie vor, Junge und Alte strömen jetzt noch mehr von der (nicht-) Halle an den Fels, leider! Eine gefährliche Unbewusstheit und Unsicherheit vieler Kletterer und Kletterinnen macht sich breit, mit viel Zeitaufwand wird tw. versucht, die Sicherheit zu erhöhen. Gefährliche Situationen und Beinaheunfälle sind sehr oft zu beobachten, leider gibt es auch „echte" Unfälle und sogar Tote zu beklagen. In vielen Fällen sind Sicherungsfehler der Grund. Zu beobachten ist kompliziertes, langwieriges, hektisches oder unzureichendes Hantieren mit Seilen und Gerätschaften aller Art ohne Bewusstsein für die Anziehungskraft unserer Erde. Oft wird dabei ein Vielfaches von wirklich benötigtem an Material mitgeführt.

Anscheinend gibt es keine klaren Anweisungen beim Schulen von jungen Menschen, es werden verschiedenste „Angebote" anstatt klarer und einfacher Handlungsvorgaben gemacht. So manche „alte Hasen" oder Gelegenheitskletterer werden durch immer wieder veränderte „Lehrmeinungen" verunsichert und probieren sozusagen die „neuen" Praktiken aus, das Klettervolk ist gespalten bezüglich der Sicherungsmethoden.

Eine Frage muss dabei gestellt werden dürfen: Eine Lehrmeinung? Was ist das? Jedenfalls ist die „Meinung" der Feind des Wissens!

Stattdessen sollte das Bewusstmachen der allgegenwärtigen Schwerkraft und das Aufwecken zum „Angst-Haben-Dürfen" mehr stattfinden um eine gesunde und sinnesschärfende Angst vor dem Herunterfallen (wieder) zu bekommen.

Einerseits sollten sicherheitstechnisch eindeutig überlegene und jahrzehntelang erprobte Geräte, Haltungen und Handlungen nicht vergessen, sondern vorgelebt und wieder unters Volk gebracht, andererseits sollte Neues hinterfragt und gegebenenfalls auch zugelassen werden. Vor Allem bei echten Neuentwicklungen wie z.B. in den Neunzigern das TRE-Sirius, das leider nicht mehr produziert wird. Viele Grounder hätten damit weiter verhindert werden können, also Augen auf die (hoffentlichen) Nachfolgegeräte! Die Ignoranz von Meinungsbildnern und ein offensichtliches Vermarktungsdefizit hatte die Verbreitung dieses genialen Geräts verhindert. *1)

Dasselbe gilt auch für die Selbstsicherungsschlinge fix am Gurt, die wieder dringend aufgewertet werden sollte und in den letzten Jahren sachte wieder mehr Verbreitung findet. Derzeit gibt es jetzt sogar verstellbare Modelle! Wichtig zu wissen ist dabei allerdings, dass nur Sturzenergie absorbierendes Material und nicht normale Bandschlingen verwendet werden. Am Besten wäre aus meiner Sicht eine fix mit dem Gurt vernähte Variante mit Verstausystem, die Hersteller wären gefordert.

Ich meine das alles vor Allem auch praktisch. Einerseits müssen viel mehr Tests im Gelände (Standplatz) mit Fallgewichten stattfinden, dies in Kursen auch zur Bewusstseinsbildung von fallenden Massen und sich verdrehenden und verkantenden Sicherungsvorrichtungen, andererseits könnten gerade Führer und andere Multiplikatoren neue Geräte bzw. Methoden auf breiter Basis testen und verbreiten anstatt durch ihre erstarrten Meinungen aufzufallen. In Kursen soll viel mehr gezeigt werden, was zum Beispiel zu tun ist, wenn ein Seilpartner verletzt am Seil hängt und was man bei jedem Standaufbau schon vorher als Standardmaßnahme und ohne Zeitverlust dazu tun kann.

Vielfalt und Individualität in Ehren, aber wirklich gefährliche oder unsinnige Methoden und Geräte, wie z. B. Tuber sollten wenigstens nicht mehr weiterverbreitet oder gar wiederbelebt werden… - was leider in den letzten Jahrzehnten passiert ist.

Wir Menschen machen Fehler und stürzen trotzdem nicht gleich ab, weil es eben zweite und dritte Chancen durch Redundanz gibt. Diese zweite Sicherung gilt es auch soweit wie möglich und zumutbar zu nutzen, siehe unten Punkt 1.

Die beschriebene Methode stützt sich auf vier Punkte als Standardmaßnahmen, weil:

Immer wiederkehrende, fix vorgegebene Methoden und Handlungen wirken nicht nur in der Fliegerei, im Lawinenbereich und anderswo, sie sind auch beim Klettern präventiv.

1.Hänge dein Leben nie an einen einzigen Punkt, sondern möglichst immer an zwei solide, unabhängige Verankerungen: Wie die Kühlkette bei der Lieferung von TK-Waren nicht unterbrochen werden darf, sollte auch Redundanz in unserem Bereich möglichst immer eingehalten und vor allem von Anfang an gelebt werden. Die nicht-Einschätzbarkeit von Verankerungen im Fels ist bei nahezu allen Hakenarten (NH und BH!) und sonstigen Fixpunkten der Fall, sowohl technische Defektmöglichkeiten, wie auch Festigkeitseinschätzungen von naturgegebenen Fixpunkten sind nur bedingt möglich. Ein „Konsument" hat da auch bei Bohrhaken keinerlei Chance! Also Augen auf und schauen, woran man hängt! Der schmale Grat zwischen Leben und Tod muss (wieder) in die (Kletter-)Köpfe. Weg mit dem Gerede von AV-Sicherheitshaken, Hochleistungsankern, (Norm-) Bohrhaken, „perfekt gesicherte Routen", Klebehaken (es sind außerdem Verbundmörtelanker), Bohrhakenstand, Normalhakenstand, guter Stand, schlechter Stand, Abseilstand Sicherungsstand, etc. Wenn wir wirklich wüssten, wann und wo was ausbricht oder wann die Lawine kommt, bräuchten wir dort keine Standardmaßnahmen und keine Notfallausrüstung und hier auch keinen zweiten Fixpunkt. Was im Lawinenbereich längst Usus und bei Autos kein Thema ist, kann auch gegen das Herunterfallen wirken. Und das tut es auch! Zwei Verankerungen sind Lebensversicherung ohne Wertverlust!

2.Zentralpunktsicherung (Selbst- und Partnersicherung!) in Ausgleichsverankerung oder Reihenschaltung mit weichem Auge immer anwenden, und nicht nur am „schlechten Stand": Wenn die Verankerungen gut sind, ist es eine gute Übung, praktischer im Handling und auch schnell gemacht. Wenn die Verankerungen als schlecht eingestuft werden (was nur bedingt möglich ist), kann eine echte Verteilung der Zugkräfte Leben retten.

Ein Plädoyer für eine echte Verteilung der Kräfte: Die gute, alte Ausgleichsverankerung kann das! Die Theorie über zusätzliche Krafteinwirkung bei Ausbruch eines Punktes durch die Ausgleichsschlinge ist nicht praxisgerecht: Weil: bei „guten" Haken, wenn also nichts ausbricht, gibt es nur oben genannte Vorteile. Bei einem „schlechten" Stand verhindert nur der echte Ausgleich möglicherweise den Ausbruch, was ja auch von der „offiziellen Lehrmeinung" anerkannt wird. Hier wird dann plötzlich auch das viel zu gefährlich eingestufte Hochreißen der sichernden Person in Kauf genommen. Oberstes Ziel ist doch den Sturz in den Stand zu halten, das Hochziehen der sichernden Person beweist die Festigkeit oberhalb des Standes. Das kommt mir vor, wie die Angst vorm Rippenbrechen bei der Herzmassage!

Und: Beim Sichern mit Halbautomaten schwächt sich das Risiko beim evtl. auslassen der Sicherung deutlich ab. Wobei immer wieder gesagt werden muss, dass kein Haken wirklich eingeschätzt werden kann, deshalb eben Redundanz und Ausgleich.

Tempo: Eine lange Schlinge durchfädeln oder einhängen, verdrehen und HMS-Karabiner einklippen und zuschrauben ist rasch erledigt! Der Abbau eines solchen Standes ist noch wesentlich rascher durchgeführt. Ein Sicherungsstand kann so fast immer gleich aufgebaut werden. In manchen Fällen - evtl. auch zusätzlich - kann in Reihenschaltung erweitert werden. Wichtig ist der zentrale Sicherungspunkt im Bandmaterial, weil beweglich, sowie dämpfend. Den Zentralpunkt direkt in einer Hakenöse zu positionieren, bringt im Sturzfall einige Nachteile: Verletzungsgefahr durch einklemmen und evtl. ausschalten der Klemmwirkung von Geräten, mögliche Querbelastungen, nicht dynamisch sondern statisch.

Trotz der unterschiedlichsten Gegebenheiten am Fels kann abschließend festgehalten werden: In 95 % aller Standplätze in Routen ist diese wirkliche Zentralpunktsicherung im Ausgleichsstand rasch, bequem und praktisch, also gutes Handling im Auf- und Abbau, wie auch für das Nachstiegs- und Vorstieg sichern gut geeignet. Somit sicherer für alle Beteiligten in vielerlei Hinsicht. Hinzu kommt noch der enorme Vorteil, dass durch Übung, wenn immer angewendet, die Handlungen automatisiert und dadurch immer rascher ausgeführt werden können. Es ist ein Märchen, das jeder Standplatz mit viel Zeitaufwand neu erfunden und kompliziert „verbandelt" werden muss und dadurch sicherer wird. In Wirklichkeit wird nur wertvolle Zeit vergeudet. Selbstgelegte Standsicherungen sind hier ausgenommen, aber solche Routen sind hier auch nicht gemeint.

An dieser Stelle muss auch festgehalten werden, dass es grob fahrlässig ist, jemanden an einem offensichtlich schlecht eingestuften Stand überhaupt nachkommen zu lassen.

Besonders unpraktikabel und gefährlich ist das Einhängen der ersten Zwischensicherung im oberen Standhaken (dummyrunner). Die meisten Leute können mit dieser „Anweisung" auch nichts anfangen. Es funktioniert auch nur bei zufällig hoch gesetztem, zweitem Standhaken. Beim Ausbruch desselben kann dies auch tödlich enden. Überhaupt wird viel zuwenig an die wirkliche Belastungsrichtung des ganzen Aufbaues im Sturzfall gedacht, auch das sollte in den Lehrinhalten bzw. bei praktischen Fallversuchen mehr gezeigt werden und somit mehr ins Bewusstsein von sichernden Personen vordringen.

Am Besten wäre natürlich immer das Einhängen der ersten Zwischensicherung nach dem Stand schon vor dem Standaufbau durch den Vorsteiger. Das ist im Eis fast immer und ohne Zeitverlust möglich, nicht aber im Fels. Beim Einbohren von Routen könnte in Handlungsanweisungen darauf geachtet werden, die erste Zwischensicherung nahe am Standplatz zu positionieren.

3.Die fix am Gurt befestigte SELBSTSICHERUNG wieder aufwerten.

Immer beim Angurten eine gut verstaubare, dehnbare Schlinge befestigen bzw. immer dranlassen. Einen Gurt anziehen ohne solche Schlinge, heißt den Gurt nicht wirklich ernst zu nehmen. Es ist in den verschiedensten Fällen eine absolute Lebensversicherung und sollte wirklich nie fehlen, ob beim Sportklettern oder im alpinen Gelände, beim Gurt-Anlegen sollte es Standard sein. Auch hier immer der gleiche Griff zum gleichen Schraubkarabiner an derselben Stelle am Gurt ist eine Lebensversicherung. Alles weitere, z.B. Mastwurf mit dem Seil, ist eine zweite Sicherung ohne wesentlichen Zeitverlust.

Es gibt derzeit sogar Selbstsicherungsschlingen mit Längeneinstellung im Handel!

Eine fix mit dem Gurt vernähte und verstaubare Schlinge, evtl. mit Kletterschlüssen wäre natürlich super, eine Herausforderung für Bergsportausrüster….

Die Vorteile:

Schnelles Anhängen schon beim Einstieg schon vor dem ersten Hantieren mit dem Seil. Durch dieses Hantieren fühlt man sich oft allzu sicher und das Einstiegsgelände ist nicht immer ungefährlich.

Für Notfälle in der Seillänge oder beim Routen basteln, fotografieren, besonders im Eis beim Standbauen.

Sehr schnelles, erstes Fixieren und letztes Öffnen am Standplatz. Der Partner, die Partnerin unten kann so viel früher abbauen. Das Sicherungsseil wird eingezogen und der Nachsteiger, die Nachsteigerin spürt die Sicherung direkt, es wird erst dann ausgehängt und verstaut. So entsteht so eine zweite Sicherung ohne jeden Zeitverlust.

Beim Abseilen oder beim Abstieg auch kein „herumbandeln" mit vielen Fehlerquellen, sondern einfach nur einhängen.

Beim Durchfädeln an der Umlenkung im Sportkletterbereich.

Und- Und- Und.

Wir hätten einige Verletzte und Tote weniger, wenn diese vielen Vorteile ohne nennenswerten Zeitverlust mehr gelebt werden würden. Beim: Alpin- und Sport- Klettern, in Eis- und Schnee. Eine weite Verbreitung und die Aufnahme in die „Lehrmeinung", vor Allem aber eine dringende Empfehlung an Multiplikatoren und sonstige MeinungsmacherInnen müssten als drängendes Projekt ganz oben stehen. So gibt es in der offiziellen „Lehrmeinung" nach wie vor z.B. das „beiläufige Hängen lassen" des Gastes in einem zweiten Sicherungsgerät, was für ein Unsinn in vielerlei Hinsicht!

4. Halbautomatensicherung ist die Methode des 21. Jh.

Körpersichern bis max. 1960. Danach Bremshilfen wie HMS, Achter und Tuber (Letztere sind nur eingeschränkt verwendbar und es müsste ein Totenkopf drauf sein). Plates und auch Kombigeräte wie Reverso und Co. sind in den Achtziger- und Neunzigerjahren eine gute Zwischenlösungen gewesen, weil es für Doppelstrang wenig gab. Das gleiche gilt für das Grigri, das obwohl nur sehr einseitig verwendbar schon mal ein guter Anfang war. Eigentlich kann man nur gut Topropesichern damit, wobei schon das Ablassen ein ernstes Problem für Viele darstellt, u. a. auch deswegen, weil die Beschreibungen falsch sind (es handelt sich nämlich um keinen Bremshebel, sondern um einen Entriegelungshebel). Nebenbei bemerkt ist es im alpinen Bereich nur sehr eingeschränkt verwendbar.

Die Führerschaft verwendet zum Gast-nachsichern alles Mögliche, dass blockiert. (Magicplate, Minitracion, etc.). Die Nachteile werden oft erst beim Ablassen bemerkt.

Spätestens ab dem Jahr 2000 aber müssten wir alle auf Halbautomaten für Einfach- und Doppelseil umgestellt haben, zumindest was die offiziellen Lehrschriften und die Führerschaft betrifft.

Das Ziel wäre schon immer richtig gewesen: Beim Nichtstun bremst das Ding von selbst, ob beim Sichern oder Abseilen. Trotzdem leichtes Durchziehen des Seiles oder der Seile in beide Richtungen. Kein Nachdenken über die Seilart und für alle Anwendungen gut verwendbar. So ein Ding gab es über 10 Jahre lang! Leider wurde es weitgehend ignoriert, auch von Experten!!!!

Die Vorteile sind unübersehbar, warum „warten wir also einfach ein paar Tote ab" und versuchen nicht einmal, ein Umdenken herbeizuführen?

"Warum hinkt die Sicherungstechnik auch so lange nach der Mondlandung so weit hinterher…."

*1)

TRE-SIRIUS-Vorteile- nicht als Werbung zu verstehen, weil es leider seit geraumer Zeit nicht mehr produziert wird…. Folgende Punkte sollten bei der Konstruktion von Sicherungsgeräten in Zukunft allgemein bzw. für ein eventuelles Nachfolgegerät von Relevanz sein. Es wäre eine längst überfällige Revolution beim Partner sichern und Abseilen, vor zwanzig Jahren waren die Erfinder anscheinend ihrer Zeit viel zu weit voraus.

Es war geradezu fahrlässig von Meinungsmachern, so ein revolutionäres Gerät zu ignorieren. Wer es negativ beurteilt hat, kann sich nie ernsthaft damit auseinandergesetzt haben. Die Vorstellung in der Fachpresse war äußerst mangelhaft, tlw. auch falsch und unseriös gewesen, aus der Feder von Experten gab es Kommentare wie „komisches Hängen am Gurt, oder „schlechtes Design", sowie „kompliziert im Handling" oder „blockiert nicht immer". Als Beispiel für unseriöse Recherche kann auch die Geschichte mit dem angeblich hohem Gewicht herangezogen werden: Achter+Karabiner: 208g, Reverso+2 Karabiner: 263g, Grigri+Karabiner: 304g, TRE-Sirius+Karabiner: 225g. Er war also in Wirklichkeit absoluter Spitzenreiter unter den Leichtgewichten, vor allem unter dem Gesichtspunkt der vielfachen Funktionalität und Halbautomatik.

Obwohl es in der Zwischenzeit eine Vielzahl von Geräten am Markt gibt, auch für zwei Seile geeignet, kommt nichts an das ehemalige, geniale Ding heran. 

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Osterwunder
 

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