The sound of climbing

IMG_1016 Ceüse (C) Heinz Pircher

Veschlafen schleppe ich mich frühmorgens zu meinem Auto, um die Fahrt ins Büro anzutreten. Der Silberstreif am Horizont kündigt einen herrlichen Frühsommertag an und ich beschließe sogleich mein Gutstundenkonto zu bedienen und den Tag im Büro kurz nach dem Mittagessen zu beenden. Den Nachmittag werde ich statt bei der Arbeit mit Freunden am Fels verbringen. Mein Kofferraum ist vorsichtshalber ohnehin immer vollgestopft mit Ausrüstung und Kletterklamotten. Man weiß ja nie.

Gleichzeitig mit dem Anlassen des Motors drehe ich das Autoradio auf.

Mittlerweile weiß ich ja, was der Schriftzug Volume am Lautstärkenknopf bedeutet. Ein Kärntner Freund hat es mir erklärt.

Auf alle Fälle gehört jetzt einmal ein ordentlicher Sound zum wachwerden her und ich drehe den Knopf bis zum Anschlag nach rechts – also voll umme.

Sofort durchzuckt es mich wie ein Blitz! – Mein Lied!

Aus den Boxen röhrt die rauchige Stimme von Gianna Nannini und im selben Augenblick sind meine Gedanken schon am Monte Cucco in Finale. Meine Fingerspitzen berühren die Griffdellen von Aspentanto il Sole, während ich meinen Körper die beinahe trittlose Kalkmauer hochschiebe. Der Geruch von Freiheit liegt in der Luft.

„Il maschi" ist das Lied meines Lebens. Jedes Mal, wenn ich es höre, erinnert es mich an meine Jugend. An das unbeschwerte Hineinleben in den Tag. An das Reisen und an das Klettern.

Interessanterweise gibt es eine Menge Lieder, die mich an ganz spezielle Tage beim Klettern erinnern. An ganz besondere Momente beim Reisen und in den Bergen. Oft brauch ich nur die Anfangstakte zu hören und schon fühle ich mich Jahre oder Jahrzehnte in die Vergangenheit zurückversetzt.

„Sternenhimmel" von Hubert Kah – neue deutsche Welle. Ganz eindeutig verbinde ich es mit dem Sommer 1982 und mit den glatten Granitplatten am Grimselpass. An „Siebenschläfer" und „Boulder Highway". An die spiegelglatte Platte der „Status Quo" und an den Superklassiker „Fair hands line".

„Wenn wir erklimmen schwindelnde Höhen" - die Bergvagabunden gehören definitiv zur Fölzalm. Zu den Klassikern von Raimund Schinko und zu meinen Anfangszeiten im alpinen Gemäuer. Fölzalm ohne Ziehharmonikasound und lautstark gesungene Bergsteigerlieder kann schon mal gar nix. Ohne Hüttenquergänge und Fluchtachterl auch nicht.

Die Bodenbauerseite hat interessanterweise wieder eine ganz andere Klangfarbe für mich.

Hier sind es Sweet, die mich mit „Ballroom Blitz" und „Fox on the run" in die Hundswand begleiten oder hinauf ins Rauchtal oder zur Südwand.

„The winner takes it all" von Abba bringt mir wiederum Gesäusefeeling.

Haindlkar und Dachlnordwand.

Ich habe keine Ahnung mehr, warum dieses Lied mich jedes Mal in diese düsteren Nordwände bringt.

Manchmal sehe ich mich bei diesem Lied die Seitelbergerplatte hochtänzeln.

Manchmal beobachte ich dabei auch Leo Schlömmer, wie er mit schweren Bergschuhen im Alleingang die Todesverschneidung klettert. Obwohl ich dieses Szenario nur aus seinem Buch kenne, hat es sich eingebrannt in mein Hirn und es kommt mir bei diesem Lied immer wieder in Erinnerung. Vielleicht wurde es aber auch nur bei der feuchtfröhlichen Hüttenschlussfeier im Spätherbst 1983 in der Kellerdisco der Haindlkarhütte rauf und runter gespielt.

Die komplette Scheibe von Mark Knopflers „Alchemie" ist Wettkampfklettern für mich. Ich kann mich an keine Anreise zu einem Austragungsort erinnern, auf der ich diesen Sound nicht lautstark in meinem roten Golf gehört habe. Es war immer unglaublich spannend für mich, gemeinsam mit Beat Kammerlander, Reinhard Schiestl, Klem Loskot und anderen Größen des Klettersports in der Isozone abzuhängen. Während die Stars sich nervös um den Sieg Gedanken machten, war es mein erklärtes Ziel, nicht Letzter zu werden. Meist aber reichte ein Blick auf die Starterliste um mich zu beruhigen. Sobald der Name Miro I. darauf auftauchte war die Gefahr gebannt. Miro kletterte hundertmal besser als ich aber Wettkämpfe waren gar nicht seins.

Zu Arco gehören für mich eindeutig Aerosmith mit ihren Liedern" „Crazy" und „Cryin`" und Gerhard P. `s Bus, mit dem wir tagsüber zu den Massiven tingelten und den wir abends unter dem Colodri einparkten, um geschneuzt und gekampelt in der Kellerbar „Il Gatto Nero" auf Aufriss zu gehen. Im Nachhinein betrachtet waren wir am Fels definitiv erfolgreicher, obwohl auch diese Leistungen überschaubar waren.

An ein fehlgeschlagenes Date erinnert mich auch Joe Cocker`s „The River".

Ich war gut drauf und projektierte das Kraftbarometer in Eppenstein bis zum Einbruch der Dämmerung. Als ich viel zu spät am vereinbarten Treffpunkt eintraf, hatte schon jemand anderer meine Stelle eingenommen.

Mit Gerhard P. verbrachte ich auch eine geniale Zeit als Hilfsbergführer in Paclenica. Wenn der Beruf des Bergführers immer so wäre, hätte ich keine Sekunde gezögert, diesen Weg einzuschlagen. „Live in Paris" von Supertramp ist mein Album zu diesen wunderbaren Erinnerungen.

„San Francisco" von Scott Mckenzie ist natürlich aufgelegt. Leider war ich selbst noch nie im Yosemite Valley aber ich habe immer mit glühenden Ohren den Erzählungen meiner Freunde gelauscht. Das Golden Age des steirischen Sportkletterns mit den ersten Siebenern und Achtern am heimischen Ratengrat war geprägt von dieser Zeit und diesem Lied. 

So gibt es zu vielen, vielen Routen und Reisen den dazugehörigen, persönlichen Soundtrack und jedes Mal, sobald ich auch nur die ersten Takte höre, ist die Erinnerung daran wieder so lebendig als wäre es gestern erst gewesen.

Im Radio ertönen gerade die ersten, dröhnenden Glockenschläge von ACDC´s „Hells Bells".

Sie erinnern mich, dass es längst an der Zeit ist, im Keller zu verschwinden um an meinem Kraxlboard anzureissen…. 

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